02.12.2013 14:33 Alter: 4 Jahre

Stolpersteine erinnern an durch den Nationalsozialismus geraubte Leben – Familien gedenken ihrer Angehörigen

Am 4. Dezember 2013 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig mit 23 neuen Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus – Schüler helfen bei Verlegung

 

Am 4. Dezember jährt sich die schrecklichste Bombardierung Leipzigs durch die Alliierten zum 60. Mal. In dieser Nacht im Jahre 1943 kamen viele Menschen im Bombenhagel ums Leben, unzählige verloren ihre Wohnung, ihr ganzes Hab und Gut. Dieses Ereignis von 1943 spiegelt die damalige Kausalität von Gewalt und Krieg wider.

 

Das nationalsozialistische Deutschland hatte am 1. September 1939 mit dem Angriff auf Polen einen Vernichtungskrieg begonnen. Aber bereits seit der Machtübernahme 1933 wurden tausende Menschen in Deutschland gesellschaftlich ausgegrenzt und systematisch verfolgt, als „asozial“ diffamiert und in Konzentrationslager verschleppt und ermordet – darunter neben jüdischen Mitbürgern auch Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, Sinti und Roma oder politisch Andersdenkende. Mit dem Ausbruch des Krieges nahmen Verfolgung und Mord unvorstellbare Ausmaße an. Mit der Bombardierung ganzer Städte kehrte die Gewalt quasi an ihren Ausgangspunkt zurück.

 

Am 4. Dezember 2013 werden in Leipzig 23 weitere Stolpersteine in Erinnerung an während des Nationalsozialismus ermordete Leipziger Mitbürgerinnen und Mitbürger verlegt. Es ist wichtig, dass wir uns den Dimensionen von Gewalt und Leid und den damit verbundenen persönlichen Schicksalen stellen.

 

In Erinnerung an das Schicksal homosexueller Mitbürger werden am 4. Dezember 2013 drei Stolpersteine verlegt. Auch dank der Recherchen der Stadt Leipzig, dem Referat für die Gleichheit für Frau und Mann, sind sie nicht vergessen. Bereits 1933 wurden Schwule und Lesben verfolgt – ihre Organisationen, Zeitschriften oder Gaststätten verboten. 1935 wurde der § 175 des Strafgesetzbuches dahingehend verschärft, dass selbst anzügliche Blicke zwischen Männern auf der Straße unter Strafe gestellt wurden. Die Verfolgungen und Verhaftungen erhöhten sich dramatisch. Auf einen zweimaligen Bruch des Paragrafen folgte die Inhaftierung in ein Konzentrationslager. Der verfolgten Lesben und Schwulen zu gedenken, erscheint umso wichtiger vor dem Hintergrund ihrer jahrzehntelangen Diskriminierung bis sie als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden – der Paragraf § 175 wurde erst 1994 in ganz Deutschland vollkommen abgeschafft.

 

Um 9.00 Uhr wird mit der Verlegung eines Stolpersteines in der Lützner Straße 16b an Friedrich Max Krause gedacht. Er wurde von den Nazis aufgrund seiner „widernatürliche[n]“ Sexualität, in das Zuchthaus Bautzen deportiert, wo er ums Leben kam. Um 12.30 Uhr wird in der Lipsiusstraße 14 in Erinnerung an Gotthard Raimund Zimmermann ein weiterer Stolperstein verlegt. Auch er wurde aufgrund seiner sexuellen Orientierung immer wieder von der Polizei verfolgt, 1934 erhielt er Berufsverbot als Masseur. 1942 verurteilte ihn das Landgericht Leipzig wegen „Unzucht zwischen Männern in 43 Fällen“ zu zwei Jahren Gefängnis. Zimmermann saß diese Strafe im Zuchthaus Bautzen ab und wurde nach weiteren Stationen zurück nach Leipzig gebracht. Aus der Gestapo-Haft heraus wurde Zimmermann am 17. Mai 1944 um drei Uhr morgens in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Die Haftumstände dort verschlechterten seinen Gesundheitszustand so, dass er in das „Sanitätslager“ des Konzentrationslagers überstellt wurde – eine Einrichtung die zur Auslagerung des Sterbens vorgesehen war. Dort starb er am 12. März 1945.

 

Gertrud Oltmanns war fünf Jahre alt, als sie aufgrund ihrer geistigen Behinderung unter dem Vorwand der besseren medizinischen Betreuung in die Leipziger Kinderklinik eingewiesen und ermordet wurde. Von diesem Ort nahm die sogenannte Kinder-Euthanasie ihren Ausgang. Der Stolpersteinverlegung für Gertrud Oltmanns wird ihre Familie um 12.00 Uhr in der Oststraße 21 (ehem. Kinderklinik) ebenfalls beiwohnen.

 

Um den Eheleuten Wydra und deren Sohn Osias zu gedenken, die nach ihrer Emigration 1933 nach Jugoslawien in Zagreb 1943 von der kroatischen Ustascha ermordet wurden, reist aus Israel deren Enkelin Yaron Wydra für die Verlegung um 9.30 Uhr in der Waldstraße 61 an.

 

Weitere Stolpersteine für ehemalige Leipziger Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer der NS-Diktatur geworden sind, werden um 10.00 Uhr in der Ernst-Pinkert-Straße 9 für die Familie Bardfeld, um 10.45 Uhr in der Eutritzscher Straße 2 (ehem. – Ecke Berliner Straße) für die junge jüdische Familie des Kinderarztes Michel Walltuch und um 11.30 Uhr vor dem Stadthaus am Burgplatz für den Sinto Finanz Just Rose, der das nationalsozialistische System vor dem Leipziger Rathaus offen der Diskriminierung beschuldigte, verlegt.

 

Ein Dank geht an die Schüler des Beruflichen Schulzentrums 12 „Robert Blum“ für ihre Unterstützung bei den baulichen Vorbereitungen der Verlegungen am 4. Dezember 2013.

 

Das Projekt „Stolpersteine“ braucht Paten

 

Diese Verlegung von Stolpersteinen ist wieder mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich. Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen. Dieses Mal haben sich zudem die Stadt Leipzig und Familienangehörige für die Verlegung von Stolpersteinen engagiert und im Vorfeld recherchiert.

 

Die STOLPERSTEINE widmen sich dem Gedenken an Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen unter dem NS-Regime verfolgt und ermordet wurden: wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer sexuellen Orientierung. Sie alle wurden Opfer des unmenschlichen NS-Systems; das Projekt STOLPERSTEINE will an alle gleichermaßen erinnern. Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden Stolperstein werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

 

In die Messingtafel des Steins werden dann die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt. Nähere Informationen zu den jeweiligen Schicksalen, aber auch zum Gesamtprojekt finden Sie unter www.stolpersteine-leipzig.de.

 

225 Erinnerungsmale an 104 Orten

 

Mit der Verlegung am 4. Dezember 2013 erinnern insgesamt 225 Stolpersteine an 104 verschiedenen Orten in Leipzig an Bürgerinnen und Bürger, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Im Jahr 2006 hat sich eine bewusst überparteiliche Arbeitsgruppe konstituiert, die die Aktionen organisiert, interessierte Gruppen bei ihren Recherchen betreut, die Termine koordiniert, sich um den Internetauftritt sowie die Öffentlichkeitsarbeit kümmert und Kontakt zu Angehörigen und Hinterbliebenen hält. Zu den Vereinen, die das Projekt unterstützen, zählen das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, der Bürgerverein Waldstraßenviertel, die Evangelische Jugend Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Verein Haus Steinstraße und das Bürgerkomitee Leipzig e.V. Mit ihrer Arbeit haben diese Leipziger Vereine ganz unterschiedlicher Themensetzung seitdem das Projekt im kollektiven Bewusstsein der Stadt etabliert.

 

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein (www.stolpersteine.com).
Dafür braucht es bürgerschaftliches Engagement, braucht es die Unterstützung vieler Menschen. Zunächst müssen die Adressen von Bürgern der Stadt, die in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden waren, recherchiert werden. Religionsgemeinschaften, Ämter und Forschungseinrichtungen helfen dabei. Die Stolpersteine sollen somit nur ein Anstoß für möglichst viele Leipziger sein, sich unmittelbar mit der Geschichte ehemaliger Mitbürger, vielleicht sogar Nachbarn, auseinanderzusetzen.

 

Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail(at)runde-ecke-leipzig.de

 

Einladung
zur Verlegung weiterer STOLPERSTEINE in Leipzig
am 4. Dezember 2013

 

Bisher liegen 202 STOLPERSTEINE an 97 Orten in Leipzig. Jetzt folgen 23 weitere Steine zum Gedenken an Leipziger Bürger, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Vor den ehemaligen Wohnorten ermordeter Mitbürger verlegt der Kölner Bildhauer Gunter Demnig diese Erinnerungsmale ebenerdig in den Gehweg.

 

Zur Verlegung der STOLPERSTEINE in Leipzig am 4. Dezember 2013 laden Sie alle an der Umsetzung des Vorhabens beteiligten Vereine recht herzlich ein.

 

9.00 Uhr Lützner Straße 16 b
Friedrich Max Krause wurde aufgrund seiner gleichgeschlechtlichen Orientierung 1943 verurteilt. Er kam im Zuchthaus Bautzen ums Leben.

 

9.30 Uhr Waldstraße 61
Bereits 1933 emigrierten die Eheleute Wydra mit ihrem Sohn Osias nach Jugoslawien und bauten sich im heutigen Zagreb eine neue Existenz auf. 1943 wurden sie von der kroatischen Ustascha ermordet.

 

10.00 Uhr Ernst-Pinkert-Straße 9
Hier werden 12 Stolpersteine für Familie Bardfeld verlegt. Während sich vier der älteren Kinder retten konnten, fielen die anderen Familienmitglieder dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer.

 

10.45 Uhr Eutritzscher Straße 2 (ehem. – Ecke Berliner Straße)
Die junge jüdische Familie des Kinderarztes Michel Walltuch wurde 1942 in das Ghetto Bełżyce bei Lublin deportiert. Nach ihrer Verschleppung aus Leipzig verliert sich ihre Spur.

 

11.30 Uhr Stadthaus – Burgplatz
Der wohnungslose Sinto Finanz Just Rose griff das nationalsozialistische System vor dem Leipziger Rathaus offen an und beschuldigte es der Diskriminierung. Daraufhin folgten seine Verhaftung und Ermordung im Konzentrationslager Buchenwald.

 

12.00 Uhr Oststraße 21 (ehem. Kinderklinik)
Gertrud Oltmanns war fünf Jahre alt, als sie aufgrund ihrer geistigen Behinderung unter dem Vorwand der besseren medizinischen Betreuung in die Leipziger Kinderklinik eingewiesen und umgebracht wurde. Von diesem Ort nahm die sogenannte Kinder-Euthanasie ihren Ausgang.

 

12.30 Uhr Lipsiusstraße 14
Gotthard Raimund Zimmermann stieß durch seine gleichgeschlechtliche Orientierung an die rassistischen Grenzen der NS-Diktatur. Unter den Nationalsozialisten mehrmals verhaftet kam er kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Mauthausen ums Leben.

 

Pressemitteilung und Einladung als Download.

Arbeitsgruppe STOLPERSTEINE in Leipzig:
Kontakt: Tel. 0341/3065175, www.stolpersteine-leipzig.de
Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V., Haus Steinstraße e. V., Evangelische Jugend, Bürgerverein Waldstraßenviertel e. V., Bürgerkomitee Leipzig e.V. – Träger der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“, Gedenkstätte der für Zwangsarbeit Leipzig