05.05.2014 11:16 Alter: 3 Jahre

Gemeinsames Projekt verschiedener Leipziger Vereine: Neue Stolpersteine erinnern an das persönliche Schicksal jüdischer Mitmenschen, Kinder mit geistiger Behinderung und politisch Andersdenkender im Nationalsozialismus

Am 3. Mai 2014 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig mit 11 neuen
Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus – Familienangehörige gedenken mit Mit einer weiteren Stolpersteinverlegung am 3. Mai in Leipzig soll den Nachbarn und Mitbürgern gedacht werden, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen, sei es durch ihre ungewünschte Andersartigkeit oder ihren Widerstand gegen diese Wertvorstellungen des Nationalsozialismus. Für die Angehörigen bedeuten Stolpersteine einen Ort der Erinnerung an ihre ermordeten Verwandten, da oft keine Gräber existieren.


Um 10.00 Uhr wird mit der Verlegung zweier Stolpersteine in der Trufanowstraße 8 an die Eheleute Kirstein gedacht. Gustav Kirstein war Mitinhaber des Kunstverlages „E. A. Seemann“. Er starb 1934, nachdem er von seinen Geschäftspartnern aus dem Geschäft gedrängt wurde. Seine Frau Cläre nahm sich 1939 das Leben, weil die Ausreise in die USA missglückte. In der Berliner Straße 14 wird um 10.30 Uhr Pepi Mohr durch eine Verlegung gedacht. Anfang 1938 wurden seine Tochter und er nach Polen ausgewiesen. Während sich Pepi Mohrs Spur nach der deutschen Besetzung verliert, konnte seine Tochter Eva mit einem jüdischen Kindertransport nach England gerettet werden. Zu den beiden Gedenksteinverlegungen werden auch Familienangehörige anreisen.

Während des Krieges war Paul Küstner Mitglied in einer kommunistischen Widerstandsgruppe in Leipzig. Im Rahmen der Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde auch er verhaftet. Sechs Tage vor der Befreiung Leipzigs durch die US-Armee wurde Küstner mit 52 weiteren Gefangenen, auf einem Truppenübungsplatz von der Gestapo erschossen. Um 12.00 Uhr wird diesem Widerstandskämpfer in der Paul-Küstner-Straße 14 gedacht.

In der Erich-Köhn-Straße 76 wird an Arno Jörg König erinnert. Der 4-Jährige war geistig behindert und wurde im Rahmen der Kindereuthanasie 1941 im Krankenhaus Dösen ermordert.

Weitere Stolpersteine für ehemalige Leipziger Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer der NS-Diktatur geworden sind, werden um 9.30 Uhr in der Ölhafenstraße 7 für die Familie Wilde, um 11.00 Uhr in der Feuerbachstraße 17a für den jüdischen Kürschner Hermann Kirschbaum und um 11.30 Uhr in der Waldstraße 23 für Georg und Margarete Seeligmann, die nach ihrer Emigration nach Belgien, nach Riga bzw. Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

 

Gemeinsames Projekt verschiedener Leipziger Vereine

 

Mit der Verlegung am 3. Mai 2014 erinnern insgesamt 236 Stolpersteine an 111
verschiedenen Orten in Leipzig an Bürgerinnen und Bürger, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Im Jahr 2006 hat sich eine Arbeitsgruppe konstituiert, die die Aktionen organisiert, interessierte Gruppen bei ihren Recherchen betreut, die Termine koordiniert, sich um den Internetauftritt sowie die Öffentlichkeitsarbeit kümmert und Kontakt zu Angehörigen und Hinterbliebenen hält. Dazu gehört das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, der Bürgerverein Waldstraßenviertel, die Evangelische Jugend Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Verein Haus Steinstraße und das Bürgerkomitee Leipzig e.V. Mit ihrer Arbeit haben diese Leipziger Vereine ganz unterschiedlicher Themensetzung seitdem das Projekt im kollektiven Bewusstsein der Stadt etabliert. Ohne die gegenseitige Unterstützung sowohl
von den genannten Vereinen, als auch der zusätzlichen Recherche von Angehörigen und Schülern, wäre die Stolpersteinverlegung undenkbar.

 

Das Projekt „Stolpersteine“ braucht Paten

 

Diese Verlegung von Stolpersteinen ist wieder mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich geworden. Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen.
Die STOLPERSTEINE widmen sich dem Gedenken an Menschen, die aus ganz
unterschiedlichen Gründen unter dem NS-Regime verfolgt und ermordet wurden: wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer sexuellen Orientierung. Sie alle wurden Opfer des unmenschlichen NS-Systems; das Projekt STOLPERSTEINE will an alle gleichermaßen erinnern. Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden Stolperstein werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen,
Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Kt-Nr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. In die Messingtafel des Steins werden dann die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt. Nähere Informationen zu den jeweiligen Schicksalen, aber auch zum Gesamtprojekt finden Sie unter www.stolpersteine-leipzig.de.

Dafür braucht es bürgerschaftliches Engagement, braucht es die Unterstützung vieler Menschen. Zunächst müssen die Adressen von Bürgern der Stadt, die in Konzentrationsund Vernichtungslager deportiert worden waren, recherchiert werden. Religionsgemeinschaften, Ämter und Forschungseinrichtungen helfen dabei. Die Stolpersteine sollen somit nur ein Anstoß für möglichst viele Leipziger sein, sich unmittelbar mit der Geschichte ehemaliger Mitbürger, vielleicht sogar Nachbarn, auseinanderzusetzen.

Weitergehende Informationen zu den einzelnen Schicksalen und Orten finden Sie auf der Homepage www.stolpersteine-leipzig.de.
Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail(at)runde-ecke-leipzig.de

 

Pressemitteilung als pdf.