05.09.2014 13:04 Alter: 3 Jahre

Im Gedenken an das Schicksal jüdischer Mitmenschen, und politisch Andersdenkender im Nationalsozialismus – neue Verlegung von Stolpersteinen

Am 9. September 2014 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig mit 29 neuen Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus – Familienangehörige gedenken mit

In diesem Jahr erinnern sich Menschen in ganz Europa an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren und seine Folgen. Um den Opfern des nationalsozialistischen Terrors zu gedenken, werden am 9.September 2014 neue Stolpersteine in Leipzig verlegt. Vor den einstigen Wohnhäusern machen sie auf das Schicksal jüdischer Familien und politisch Andersdenker aufmerksam. Für die Angehörigen ist dies häufig der einzige Ort, sich an ihre ermordeten Verwandten zu erinnern, denn Gräber existieren oft nicht.

 

Um 14:30 Uhr werden in der Lutherstraße 18 die Stolpersteine für die Familie Grünbaum verlegt. Über das Schicksal der Grünbaums und ihrer Kinder ist bisher nur wenig bekannt. Nach ihrer Zwangsumsiedlung nach Polen verliert sich ihre Spur im Ghetto Falencia. Die Initiative konnte nach intensiven Recherchen jedoch den Sohn, der als einziger überlebt hat, und dessen Angehörige in Israel ausfindig machen. Um sich erstmals mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen und ihrer verstorbenen Verwandten zu gedenken, werden seine Töchter und Enkel an der Veranstaltung teilnehmen. Zu den Verlegungen um 15:30 Uhr und 16:30 Uhr reisen auch die Angehörigen der miteinander verwandten Familien Flaschmann und Weiss aus Israel an. Fast alle Familienmitglieder kamen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ums Leben.

 

Mit der Verlegung eines Stolpersteins in der Alfred-Kästner-Straße 20 wird um 13:00 Uhr im Beisein seiner Söhne an den Kommunisten Alfred Kästner gedacht. Kästner war Mitbegründer der KPD-Ortsgruppe in Leipzig. Wegen illegaler Treffen und des Druckes von Flugblättern wurde er zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Sechs Tage vor der Befreiung Leipzigs durch die US-Armee erschoss die Gestapo Alfred Kästner auf dem Truppenübungsplatz Lindenthal.

 

Die Schülerinnen und Schüler des Max-Klinger-Gymnasiums recherchierten weitere Schicksale zweier jüdischer Familien. Sie haben dafür gesorgt, dass für deren Mitglieder insgesamt 13 Stolpersteine verlegt werden können. Die Familien Rosenfeld und Szyjas wurden im Jahr 1938 nach Polen abgeschoben und in nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet.

 

Weitere Stolpersteine für ehemalige Leipziger, die Opfer der NS-Diktatur geworden sind, werden um 15:00 Uhr in der Richterstraße / Ecke Karl-Rothe-Straße für Lucy Steindorff und um 16:00 Uhr in der Tschaikowskistraße 23 für Rosa und Samuel Lampel, Kantor an der Großen Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße, verlegt. Zum Gedenken an Lampel wird der Synagogalchor singen.

 

 

Gemeinsames Projekt verschiedener Leipziger Vereine

 

Mit der Verlegung am 9. September 2014 erinnern insgesamt 265 Stolpersteine an 119 verschiedenen Orten in Leipzig an Bürger, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Im Jahr 2006 hat sich eine Arbeitsgruppe konstituiert, die dies organisiert. Sie betreut interessierte Gruppen bei ihren Recherchen, koordiniert die Termine, kümmert sich um den Internetauftritt sowie die Öffentlichkeitsarbeit und hält Kontakt zu Hinterbliebenen. Dazu gehört das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, der Bürgerverein Waldstraßenviertel, die Evangelische Jugend Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Verein Haus Steinstraße und das Bürgerkomitee Leipzig e.V. Mit ihrer Arbeit haben diese Vereine ganz unterschiedlicher Themensetzung seitdem das Projekt im kollektiven Bewusstsein der Stadt etabliert. Ohne die gegenseitige Unterstützung und der zusätzlichen Recherche von Angehörigen und Schülern wäre die Stolpersteinverlegung undenkbar.

 

 

Das Projekt „Stolpersteine“ braucht Paten

 

Die Verlegung von Stolpersteinen ist wieder mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich geworden. Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen.

 

Die STOLPERSTEINE widmen sich dem Gedenken an Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen unter dem NS-Regime verfolgt und ermordet wurden: wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer sexuellen Orientierung. Sie alle wurden Opfer des unmenschlichen NS-Systems. Das Projekt STOLPERSTEINE will auf alle gleichermaßen aufmerksam machen. Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden Stolperstein werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Kt-Nr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

 

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. In die Messingtafel des Steins werden dann die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt. Nähere Informationen zu den jeweiligen Schicksalen, aber auch zum Gesamtprojekt finden Sie unter www.stolpersteine-leipzig.de.

 

Dafür braucht es bürgerschaftliches Engagement, braucht es die Unterstützung vieler Menschen. Zunächst müssen die Adressen von Bürgern der Stadt, die in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden waren, recherchiert werden. Religionsgemein-schaften, Ämter und Forschungseinrichtungen helfen dabei. Die Stolpersteine sollen somit nur ein Anstoß für möglichst viele Leipziger sein, sich unmittelbar mit der Geschichte ehemaliger Mitbürger, vielleicht sogar Nachbarn, auseinanderzusetzen.

 

Weitergehende Informationen zu den einzelnen Schicksalen und Orten finden Sie auf der Homepage www.stolpersteine-leipzig.de.

 

Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail(at)runde-ecke-leipzig.de


Dateien:
stolpersteine_pm20.pdf43 K