29.09.2015 14:53 Alter: 2 Jahre

Weitere STOLPERSTEINE stehen beispielhaft für das Schicksal jüdischer Familien im Nationalsozialismus

Am 1. Oktober 2015 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig in Leipzig mit 26 neuen STOLPERSTEINEN an Opfer des Nationalsozialismus

„Es war am 28. Oktober 1938, an einem Freitag, als ich schon 6 Uhr früh ein starkes Klopfen an meiner Tür vernahm. Ich öffnete die Tür und blickte auf zwei Polizisten, die mir mit Taschenlampen ins Gesicht leuchteten... Wir seien ausgewiesen. Unser Zug stehe schon bereit.“ Die Nachkriegsaufzeichnungen von Joseph Kohs lassen nur erahnen, wie unmenschlich das Naziregime gegen jüdische Mitbürger vorging. Aufgrund ihrer polnischen Staatsangehörigkeit gehörte die junge Familie Joseph Kohs‘ zu den Juden, die am 28. Oktober 1938 nach Beuthen deportiert und dann mit Waffengewalt über die Grenze gejagt wurden.

Die Familie verschlägt es mit den Eltern Kohs zu Verwandten nach Dabrowa bei Tarnow. Nach dem Massenmord an den Juden von Tarnow im Mai 1942 wurde in Dabrowa zwei Monate später ein Ghetto errichtet, das jedoch nicht lange existierte. Dort wurden Dora Kohs und ihr Sohn Michael ermordet. Joseph Kohs und sein fünfzehnjähriger Sohn Heini entgingen den Massakern und überlebten das Grauen in den Arbeitslagern Mielec und Wieliczka sowie im KZ Flossenbürg in Bayern. An ihrem letzten Wohnsitz, der Uhlandstraße 8, werden zwei STOLPERSTEINE für Dora und Michael Kohs verlegt. 

In der Endersstraße 3, wo einst Laura und Leon Kohs wohnten, werden 9 Uhr die ersten beiden STOLPERSTEINE verlegt. Das Ehepaar gehörte ebenso zu der weitverzweigten und über hundert Verwandte zählenden Großfamilie Kohs-Fischel. Auch Laura und Leon Kohs wurden im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ gegen jüdische Mitbürger am 28.10.1938 nach Polen abgeschoben. Nach der deutschen Besetzung wurden sie dort ermordet. Ein gerade 90 Jahre alt gewordener Enkel der Kohs hat für die STOLPERSTEIN-Verlegung verschiedene Botschaften geschickt, die verlesen bzw. abgespielt werden.

Deutsch-israelische Jugendbegegnung

Im Anschluss werden drei STOLPERSTEINE für die 3-köpfige Familie Nissenbaum in der ehemaligen Nordstraße 24 (Parkplatz Westin Hotel Leipzig) verlegt. An dieser wird eine israelische Jugendgruppe teilnehmen, die gegenwärtig ein deutsch-israelisches Austauschprogramm durchführt. Die Paten der Steine der Familie Nissenbaum sind ebenfalls Jugendliche. Nach der Verlegung findet ein thematischer Austausch der beiden Gruppen statt. Die israelischen Jugendlichen wollen vor allem wissen, warum sich die deutschen Schüler für ein solches Erinnerungsprojekt engagieren. 

Wie das Terrorregime des Nationalsozialismus ganze Familien auslöschte, zeigt das Schicksal der Familie Blonski. Auch sie besaßen die polnische Staatsangehörigkeit und gehörten damit zu den polnischen Juden, die am 28. Oktober 1938 trotz gültiger Papiere aus Deutschland abgeschoben wurden. Wie die Familie Kohs deportierte man sie nach Beuthen und danach über die Grenze. Meist kamen die tagelang herumirrenden Menschen schließlich bei Verwandten unter. Doch nach der deutschen Besetzung Polens steigerte sich der Terror nochmals und viele polnische Juden wurden systematisch ermordet. Die gesamte Familie wurde Opfer der Shoa in Polen. Für sie werden sechs STOLPERSTEINE in der Breitschuhstraße 13 verlegt.

Bis 15 Uhr werden an diesem Tag für weiter ehemalige Leipziger Mitbürger, die Opfer der NS-Diktatur geworden sind, STOLPERSTEINE verlegt.

Das Projekt „Stolpersteine“ braucht Paten

Diese Verlegung von Stolpersteinen ist wieder mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich. Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen. Dieses Mal haben sich zudem besonders Familienangehörige für die Verlegung von STOLPERSTEINE engagiert und dazu im Vorfeld recherchiert.

Die STOLPERSTEINE widmen sich dem Gedenken an Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen unter dem NS-Regime verfolgt und ermordet wurden: wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer sexuellen Orientierung. Sie alle wurden Opfer des unmenschlichen NS-Systems; das Projekt STOLPERSTEINE will an alle gleichermaßen erinnern. Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden Stolperstein werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

313 Erinnerungsmale an 127 Orten

Mit der Verlegung am 1. Oktober 2015 erinnern dann insgesamt 313 Stolpersteine an 127 verschiedenen Orten in Leipzig an Bürgerinnen und Bürger, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Im Jahr 2006 hat sich eine bewusst überparteiliche Arbeitsgruppe konstituiert, die die Aktionen organisiert, interessierte Gruppen bei ihren Recherchen betreut, die Termine koordiniert, sich um den Internetauftritt sowie die Öffentlichkeitsarbeit kümmert und Kontakt zu Angehörigen und Hinterbliebenen hält. Zu den Vereinen, die das Projekt unterstützen, zählen das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, der Bürgerverein Waldstraßenviertel, die Evangelische Jugend Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Verein Haus Steinstraße und das Bürgerkomitee Leipzig e.V. Mit ihrer Arbeit haben diese Leipziger Vereine ganz unterschiedlicher Themensetzung seitdem das Projekt im kollektiven Bewusstsein der Stadt etabliert.

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein. In die Messingtafel des Steins sind die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt.

Dafür braucht es bürgerschaftliches Engagement, braucht es die Unterstützung vieler Menschen. Zunächst müssen die Adressen von Bürgern der Stadt, die in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden waren, recherchiert werden. Religionsgemeinschaften, Ämter und Forschungseinrichtungen helfen dabei. Die Stolpersteine sollen somit nur ein Anstoß für möglichst viele Leipziger sein, sich unmittelbar mit der Geschichte ehemaliger Mitbürger, vielleicht sogar Nachbarn, auseinanderzusetzen.

Weitergehende Informationen zu den einzelnen Schicksalen und Orten finden Sie im Internet unter www.stolpersteine-leipzig.de.

Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail(at)runde-ecke-leipzig.de.