20.03.2015 15:15 Alter: 2 Jahre

Weitere STOLPERSTEINE schaffen Erinnerungskultur für den Alltag

Das nachbarschaftliche Zusammenleben war in Deutschland bis 1933 nahezu intakt, aber auf einmal war die Nachbarwohnung leer, waren die Nachbarn weg, Möbel und Einrichtungsgegenstände wurden abgeholt und niemand will etwas gewusst haben?

Das bleibt für den Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig unbegreiflich und dieses Unbegreifbare ist sein Antrieb, die Erinnerung nicht verlöschen zu lassen. Die Form, die Gunter Demnig dabei wählt, ist ein sehr individuelles Gedenken: Es werden die ehemaligen Adressen von verfolgten, vertriebenen und ermordeten Menschen recherchiert. In den Gehwegen vor deren letzten frei gewählten Wohnhäusern werden die STOLPERSTEINE ebenerdig eingesetzt.

Am 21. März 2015 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig in Leipzig mit 22 neuen STOLPERSTEINEN an Opfer des Nationalsozialismus

Besonders tragisch ist das Schicksal der 10-köpfigen jüdischen Familie Rodoff, für die bereits 7 STOLPERSTEINE in der Funkenburgstraße 23 liegen. Nach der Progromnacht am 9. November 1938 beantragt der Vater Chaim 1940 Ausreise-Visa für die USA. Der Bruder und der Cousin der Mutter Rosa bürgten in New York. Wahrscheinlich war dies jedoch nicht genug, um die Bürgschaften für alle zehn zu bekommen, denn erhalten haben sie nur drei Visa. So hatten die Eltern die schwere Entscheidung zu treffen, wer ausreisen durfte und wer nicht. Der einzige Sohn Max und seine beiden jüngeren Schwestern Ruth und Miriam verließen am 31. Mai 1941 Deutschland und gelangten über Lissabon mit dem Schiff nach New York. Die anderen sieben Familienmitglieder wurden nur acht Monate später deportiert und verstarben in den Konzentrationslagern Riga-Kaiserwald und Auschwitz. Am 21. März 2015 werden nun STOLPERSTEINE für die drei vertriebenen Kinder verlegt.

Neben den zahlreichen jüdischen Opfern verfolgte das NS-Regime auch politische Gegner. Der SPD-Politiker Hermann Liebmann wurde bereits 1933 verhaftet und blieb zwei Jahre in den Konzentrationslagern Hohenstein und Colditz. Schwer misshandelt starb er 1935. William Zipperer und Otto Engert gehörten zum Widerstandskreis um Georg Schumann. Beide wurden 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und 1945 in Dresden hingerichtet.

Beginn der Verlegung ist 10 Uhr im Nikolaikirchhof 3, wo der Pfarrer der ev.-luth. Kirchgemeinde St. Nikolai Friedrich Ernst Lewek einen STOLPERSTEIN erhält. Seine jüdischen Wurzeln und sein Engagement im „Pfarrernotbund“ brachten ihn in Haft. Es folgten Suspendierung und Arbeitslager. Davon erholte er sich nie wieder und starb 1953.

Bis 16 Uhr werden an diesem Tag für weiter ehemalige Leipziger Mitbürger, die Opfer der NS-Diktatur geworden sind, STOLPERSTEINE verlegt.

Das Projekt „Stolpersteine“ braucht Paten

Diese Verlegung von Stolpersteinen ist wieder mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich. Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen. Dieses Mal haben sich zudem besonders Familienangehörige für die Verlegung von STOLPERSTEINE engagiert und dazu im Vorfeld recherchiert.

Die STOLPERSTEINE widmen sich dem Gedenken an Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen unter dem NS-Regime verfolgt und ermordet wurden: wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer sexuellen Orientierung. Sie alle wurden Opfer des unmenschlichen NS-Systems; das Projekt STOLPERSTEINE will an alle gleichermaßen erinnern. Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden Stolperstein werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

265 Erinnerungsmale an 118 Orten

Mit der Verlegung am 21. März 2015 erinnern dann insgesamt 265 Stolpersteine an 118 verschiedenen Orten in Leipzig an Bürgerinnen und Bürger, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Im Jahr 2006 hat sich eine bewusst überparteiliche Arbeitsgruppe konstituiert, die die Aktionen organisiert, interessierte Gruppen bei ihren Recherchen betreut, die Termine koordiniert, sich um den Internetauftritt sowie die Öffentlichkeitsarbeit kümmert und Kontakt zu Angehörigen und Hinterbliebenen hält. Zu den Vereinen, die das Projekt unterstützen, zählen das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, der Bürgerverein Waldstraßenviertel, die Evangelische Jugend Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Verein Haus Steinstraße und das Bürgerkomitee Leipzig e.V. Mit ihrer Arbeit haben diese Leipziger Vereine ganz unterschiedlicher Themensetzung seitdem das Projekt im kollektiven Bewusstsein der Stadt etabliert.

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein. In die Messingtafel des Steins sind die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt.

Dafür braucht es bürgerschaftliches Engagement, braucht es die Unterstützung vieler Menschen. Zunächst müssen die Adressen von Bürgern der Stadt, die in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden waren, recherchiert werden. Religionsgemeinschaften, Ämter und Forschungseinrichtungen helfen dabei. Die Stolpersteine sollen somit nur ein Anstoß für möglichst viele Leipziger sein, sich unmittelbar mit der Geschichte ehemaliger Mitbürger, vielleicht sogar Nachbarn, auseinanderzusetzen.

Weitergehende Informationen zu den einzelnen Schicksalen und Orten finden Sie im Internet unter www.stolpersteine-leipzig.de.

Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail(at)runde-ecke-leipzig.de