19.09.2016 10:33 Alter: 246 Tage

STOLPERSTEINE für Familie Tepper: Grausames Schicksal beschäftigt die Angehörigen noch immer

Kategorie: Pressemitteilung

Am 19. September 2016 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig in Leipzig mit 26 neuen STOLPERSTEINEN an Opfer des Nationalsozialismus

Das Projekt STOLPERSTEINE erinnert und vergegenwärtigt das Leid von jüdischen Mitmenschen, Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen, Sinti und Roma, Homosexuellen sowie politisch Andersdenkenden und allen anderen von der Ideologie des Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten. Seit nunmehr 10 Jahren werden diese Erinnerungsmale in Leipzig verlegt. Am 19. September folgen weitere 26 Steine, die in der Nähe der einstigen Wohnhäuser der Opfer in den Gehweg eingelassen werden.

Die Verlegung neuer STOLPERSTEINE startet am 19. September 2016 um 9.00 Uhr an der Ecke Hainstraße 31 / Brühl 2. Die jüdische Familie Rafe zählte vierzehn Familienmitglieder aus drei Generationen von denen sechs in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Auschwitz ermordet wurden. Pate für diese Verlegung ist der Erich-Zeigner-Haus e.V.

 

 

„Polenaktion“ der Nationalsozialisten machte auch vor Leipziger Mitbürgern keinen Halt

 

 

In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober 1938 wurden in ganz Deutschland die hier lebenden polnischen Staatsbürger, die überwiegend Juden waren, trotz gültiger Papiere des Landes verwiesen. Dieser Maßnahme war eine diplomatische Krise zwischen der polnischen und der deutschen Regierung vorausgegangen. In deren Folge ordnete der Reichsführer SS Heinrich Himmler an, dass alle polnischen Staatsbürger unverzüglich in Gruppentransporten über die deutsch-polnische Grenze abzuschieben seien. Im gesamten Reichsgebiet wurden in dieser „Polenaktion“ insgesamt 17.000 Polen verhaftet, allein in Leipzig waren es ca. 1.600. Auch hier begann die Gestapo am Morgen des 28. Oktober 1938 die Menschen in Sammellagern zusammenzutreiben und vom Hauptbahnhof mit Sonderzügen abzuschieben. Etwa 1.300 Menschen konnten im polnischen Generalkonsulat in der „Villa Ury“, Wächterstraße 32 vorerst noch Schutz finden, da der Konsul sie gewarnt hatte. Die meisten der Abgeschobenen wurden nach dem deutschen Überfall auf Polen in Gettos und Vernichtungslagern ermordet.

Dass das grausame Schicksal der polnischen Opfer des NS-Regimes die überlebenden Familienmitglieder und die Nachkommen noch immer beschäftigt, zeigt das Beispiel der Familie Tepper. Willy Wolf Tepper war Kaufmann und Handelsvertreter in Leipzig und besaß die polnische Staatsangehörigkeit. Er lebte gemeinsam mit seiner Frau und den vier Kindern David „Freddy“ (geb. 1911), Kurt (geb. 1915), Ephraim (geb. 1916) und Zita (geb. 1920) in der Berliner Straße 2. Im Zuge der „Polenaktion“ wurden Wolf und Dora Tepper mit ihrer Tochter Zita am 28. Oktober 1938 nach Polen ausgewiesen. Dort kamen sie ins Ghetto Sosnowiec, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Willy Wolf Tepper starb am 16. Juni 1942 in Sosnowiec. Dora und Zita wurden im August 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo Dora im Januar 1945 befreit wurde. Nach dem Krieg emigrierte sie nach New York. Dem Sohn David „Freddy“ gelang die Flucht. Er konnte bereits 1938 mit seiner Ehefrau Jenny Tepper, geb. Marmerstein, nach Kanada und später in die USA auswandern. Auf Initiative des Sohnes von David „Freddy“ Tepper und seiner Mutter werden an diesem Tag insgesamt sieben STOLPERSTEINE verlegt. Im Frühjahr 2017 wird die in den USA lebende Familie Tepper Leipzig und die für ihre verfolgten Angehörigen verlegten STOLPERSTEINE besuchen.

 

„Großschweidnitzer Giftkur“ kostete zahlreichen Bewohnern der Landesheilanstalt das Leben

 

An Kaltblütigkeit und Brutalität kaum zu übertreffen ist das erschütternde Schicksal von Elli Helm. Sie lebte zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern seit 1920 in der Steubenstraße 37 (heute Holbeinstraße). Elli litt an Epilepsie, was dazu führte, dass sie ab 1936 in einem Heim untergebracht wurde. Nach mehreren Heimwechseln wurde Elli Helm letztendlich in der Landesheilanstalt Großschweidnitz untergebracht. Elli Helm war eine von Tausenden, die Opfer der sogenannten „Großschweidnitzer Giftkur“ wurden, die im Rahmen der nationalsozialistischen „wilden“ Euthanasie angewendet wurde. Hierbei werden die Opfer durch Medikamentüberdosen und bewusster Mangelernährung durch das Pflegepersonal ermordet. Mit der Verlegung eines STOLPERSTEINs in der Holbeinstraße 37 wird an Elli Helm als eines der vielen Euthanasieopfer des Nationalsozialismus gedacht.

Auch die 1933 geborene Ingeborg Emma Maria Gebhardt wurde aufgrund einer geistigen Behinderung aus dem „Katharinenhof“ Großhennersdorf in die Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein verlegt und dort im Alter von nur sieben Jahren am 2. Oktober 1940 wie über 13.000 andere vergast.

 

Seit 2006 erinnern insgesamt 334 STOLPERSTEINE in Leipzig an Opfer der NS-Diktatur

 

In Leipzig begann das Projekt am 3. April 2006 mit der Verlegung von 11 Steinen durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig. Koordiniert werden seitdem sämtliche Verlegungen durch die Arbeitsgemeinschaft „STOLPERSTEINE in Leipzig“, die von der Stadt Leipzig beauftragt - ganz bewusst parteiübergreifend arbeitet. Die Arbeitsgruppe koordiniert nicht nur die Steinverlegungen, sondern steht für die Betreuung interessierter Gruppen und deren Recherchen zur Verfügung, plant Termine rund um die STOLPERSTEINE, kümmert sich um den medialen Auftritt der Projekte und hält selbstverständlich Kontakt zu Hinterbliebenen und Angehörigen. Zur Arbeitsgruppe gehören das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, die Evangelische Jugend Leipzig und das Bürgerkomitee Leipzig e.V., Träger der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Durch das Engagement und die investierte Arbeit dieser Einrichtungen konnten die STOLPERSTEINE Erinnerungen an die Schicksale der vielen Opfer im Nationalsozialismus schaffen und so einen wichtigen Teil zum kollektiven und auch individuellen Bewusstsein der Stadt beitragen.

 

Das Projekt STOLPERSTEINE braucht Paten

 

Die Verlegung von STOLPERSTEINEN ist nur mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich.

Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen. Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden STOLPERSTEIN werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein. In die Messingtafel des Steins sind die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt.

Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail@runde-ecke-leipzig.de


Dateien:
stolpersteine_pm24.pdf528 K