19.06.2018 15:04 Alter: 151 Tage

Neue STOLPERSTEINE erinnern an das Schicksal von jüdischen Mitbürgern aus Leipzig im Nationalsozialismus

Kategorie: Pressemitteilung

Am Donnerstag, den 21. Juni 2018, verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig in Leipzig 22 neue STOLPERSTEINE zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus. Anwesend sind auch Angehörige.

Das Projekt STOLPERSTEINE erinnert und vergegenwärtigt das Leid von jüdischen Mitmenschen, Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen, Sinti und Roma, Homosexuellen sowie politisch Andersdenkenden und allen anderen von der Ideologie des Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten. Seit nunmehr über 10 Jahren werden diese Erinnerungsmale in Leipzig verlegt. Für den 21. Juni 2018 hat die „AG Stolpersteine in Leipzig“ eine weitere Verlegung von 22 Steinen organisiert, die in der Nähe der einstigen Wohnhäuser der Opfer in den Gehweg eingelassen werden. Die Recherchen zu den Opfern erfolgten u.a. in Schülerprojekten.

Die Verlegung neuer STOLPERSTEINE beginnt am Donnerstag um 9.00 Uhr an der Georg-Schwarz-Straße 49 (Diakonissenkrankenhaus). Die Diakonisse Marie Runkel wurde auf Grund ihrer psychischen Erkrankung 1941 im Rahmen der T4-Aktion in Pirna-Sonnenstein ermordet. Um 9.30 Uhr folgt die Verlegung von Stolpersteinen in der Erich-Zeigner-Allee 36 für Bernhard von Hoyningen-Huene. Er litt unter Depressionen und wurde deswegen 1940 in Pirna-Sonnenstein getötet. Zur Erinnerung an das Schicksal von Mendel Krzepicki wird 10.00 Uhr ein Stolperstein an der Alexanderstraße 46 verlegt. Er floh mit seiner Familie im März 1939 nach Belgien. Während seine Familie mit fremder Hilfe überlebte, kam Herr Krzepicki 1942 in Auschwitz ums Leben. Die Schwester von Regina Krzepicki (Alexanderstr. 46), Fela Frigge, erhält ebenfalls einen Stolperstein, der 10.30 Uhr auf dem Dorotheenplatz eingelassen wird. Sie wurde 1942 vom KZ Ravensbrück nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nach der Verlegung um 11.00 Uhr für Familie Kanner in der Humboldtstraße 9 folgt um 11.45 Uhr in der Kleiststraße 111 für Nathan Bickart die nächste Stolpersteinverlegung. Er wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert, überlebte, verstarb aber nach der Befreiung des Ghettos an den Folgen der katastrophalen Lebensumstände.

Fünf weitere Stolpersteine werden 13.45 Uhr in der Kreuzstraße 10 für die Familie Repper verlegt. Die Familie des Lebensmittelhändlers David Repper wurde 1936 nach Polen ausgewiesen. In Krakau lebend verschlechterte sich ihre Situation mit Kriegsbeginn jedoch immer weiter, die Hoffnung, wieder in einem eigenen ruhigen Heim zu leben, aber blieb. Ende 1940 starb Mutter Sara im Jüdischen Krankenhaus in Krakau, die Töchter Margot und Viktoria wurden in Auschwitz ermordet, vom Vater David verlor sich 1941 die Spur im von Deutschland besetzten Polen. Einzig Sohn Hartwig konnte sich 1939 von Leipzig aus nach England retten. Das Schicksal der Familie wurde nun von Schülerinnen und Schüler einer 12. Klasse des Leipziger Rahn-Gymnasiums im Unterricht erforscht, u.a. mit Dokumenten aus dem Leipziger Stadtarchiv und dem Nationalarchiv Krakow. Gemeinsam werden die Abiturienten im Beisein von Angehörigen – Hartwigs Sohn und seiner Familie – die extra aus Leeds, England, anreisen mit fünf Stolpersteinen an die Familie Repper erinnern.

Mit einem Stolperstein wird 14.30 Uhr in der Russenstraße 57 Walter Heise gedacht, welcher als Kommunist politischen Widerstand gegen das Nazi-Regime und später gegen den Krieg leistete. Er wurde aufgrund seiner antifaschistischen Arbeit 1936 zu fast drei Jahren Zuchthaus verurteilt; 1945 wurde er zum Tode verurteilt und in Dresden hingerichtet.

Für die jungen Eheleute Heinrich und Else Freier sowie ihre kleine Tochter Renata werden um 15.15 Uhr Stolpersteine in der Münzgasse 3 eingelassen. Für sie bestand keine Chance auf ein Familienleben. Gemeinsam wurden sie 1942 nach Riga deportiert. 1944 wurde die fünfjährige Tochter erschossen, die Eltern kamen wenige Monate später ins KZ Stutthof, wo sich ihre die Spuren verlieren.

Der letzte der 22 Stolpersteine wird 15.45 Uhr für Else Behrmann in der Paul-Gruner-Straße 63 verlegt. Sie wurde 1942 nach Bełźec deportiert und ermordet. Über die Umstände der Ermordung von Else Behrmann (50 Jahre) lässt sich nur spekulieren. Die unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto und die Willkür der SS machten ein Überleben nahezu unmöglich.

Seit 2006 erinnern insgesamt 389 STOLPERSTEINE in Leipzig an Opfer der NS-Diktatur

In Leipzig begann das Projekt am 3. April 2006 mit der Verlegung von 11 Steinen durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig. Koordiniert werden seitdem sämtliche Verlegungen durch die Arbeitsgemeinschaft „STOLPERSTEINE in Leipzig“, die von der Stadt Leipzig beauftragt - ganz bewusst parteiübergreifend arbeitet. Die Arbeitsgruppe koordiniert nicht nur die Steinverlegungen, sondern steht für die Betreuung interessierter Gruppen und deren Recherchen zur Verfügung, plant Termine rund um die STOLPERSTEINE, kümmert sich um den medialen Auftritt der Projekte und hält selbstverständlich Kontakt zu Hinterbliebenen und Angehörigen. Zur Arbeitsgruppe gehören das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Ev.-Luth. Kirchbezirk Leipzig und das Bürgerkomitee Leipzig e.V., Träger der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Durch das Engagement und die investierte Arbeit dieser Einrichtungen konnten die STOLPERSTEINE Erinnerungen an die Schicksale der vielen Opfer im Nationalsozialismus schaffen und so einen wichtigen Teil zum kollektiven und auch individuellen Bewusstsein der Stadt beitragen.

Das Projekt STOLPERSTEINE braucht Paten

Die Verlegung von STOLPERSTEINEN ist nur mit der regen Unterstützung von Paten und Spendern möglich. Neben Privatpersonen sind dies oft auch Initiativen und Vereine oder Schulen.

Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden STOLPERSTEIN werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein. In die Messingtafel des Steins sind die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt.

Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail@runde-ecke-leipzig.de

Die Pressemitteilung als PDF-Datei.