22.11.2018 11:06 Alter: 19 Tage

Neue STOLPERSTEINE erinnern an die zerstörten Leben von Familien und Künstlern aus Leipzig im Nationalsozialismus

Kategorie: Pressemitteilung

Am Freitag, den 23. November 2018, verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig in Leipzig 31 neue STOLPERSTEINE zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus. Angehörige sind auch anwesend.

 

Das Projekt STOLPERSTEINE erinnert und vergegenwärtigt das Leid von jüdischen Mitmenschen, Kindern und Erwachsenen, die nationalsozialistischen „Normen“ nicht entsprachen, von politisch Andersdenkenden, Oppositionellen und allen anderen, die für die Ideologie der NS-Diktatur hätten gefährlich sein konnten. Immer wieder kam es deshalb im nationalsozialistischen Regime zur Trennung vieler Familien. Zahlreiche Eltern schickten ihre Kinder ins Ausland. Die Kleinen haben ihre Mütter und Väter nie wieder gesehen. Diejenigen, die die Flucht nicht geschafft hatten, verstarben in den Konzentrationslagern. Seit nunmehr über zehn Jahren werden die Erinnerungsmale für die Opfer vom NS-Regime in Leipzig verlegt. Für den 23. November 2018 hat die „AG Stolpersteine in Leipzig“ eine weitere Verlegung von 31 Steinen organisiert. Die Recherchen zu den Opfern erfolgten durch Verwandte sowie in Schülerprojekten. Bei den Verlegungen werden Familienangehörige aus Deutschland, Israel und England erwartet.

 

Die Verlegung neuer STOLPERSTEINE beginnt am Freitag um 9.00 Uhr in der Karl-Heine-Straße 43. Max Joske hatte hier ein eigenes Kaufhaus; sehr schnell machte er sich in der Stadt einen Namen. Später überantwortete er das Unternehmen seinen beiden Söhnen Julius und Hans. Nach 1933 wurde ihr Kaufhaus jedoch in den Ruin getrieben. Hans versuchte als reisender Kaufmann weiter zu arbeiten, floh nach Frankreich und verstarb dort. Seine Frau und Tochter wurden 1942 in Auschwitz ermordet. Nur ihr ältester Sohn Hellmut und die Tochter Hilde konnten gerettet werden. Sie wohnen heute in Israel. Einige Familienangehörige aus Israel werden zur Stolperstein-Verlegung erwartet. Um 9.45 Uhr folgt die Verlegung von Stolpersteinen in der Jahnallee 5 für Luise Stern. Sie hat alle ihre vier Kinder gerettet – sie flohen nach Israel und Dänemark –, aber sie selbst schaffte es nicht; wurde deportiert und kam 1942 ins Riga ums Leben. Familienangehörige aus Israel und England werden zur Verlegung erwartet.

 

Ein ähnliches Schicksal erlitt die jüdische Familie Stimmler, die seit 1920 in Leipzig lebte. Insgesamt sieben Kinder hatten die Eheleute, geboren zwischen 1913 und 1930. Vater Aron Stimmler war Privatlehrer und seit 1927 und 1928 Mitglied der Kommunistischen Partei. Bereits im Juni 1933 wurde er wegen „Verdachts kommunistischer Umtriebe“ festgenommen. Anlass war ein Fahrradunfall seiner Tochter Chana, bei der ihr Flugblätter und Kuriermitteilungen aus der Tasche fielen. Bei einer Durchsuchung der elterlichen Wohnung fand die Polizei mehrere KPD-nahe Bücher. Vater Aron, der immer wieder beteuerte, nichts damit zu tun zu haben, kam für fünf Monate ins KZ Colditz. Den Eheleuten gelang es in den folgenden Jahren, alle ihre Kinder aus Deutschland und in Sicherheit zu bringen. Als letzte kamen Gittel und Lea im Sommer 1939 nach England. Ihnen selber gelang die Flucht nicht mehr. Vater Aron wurde im Oktober 1938 erneut verhaftet wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“. Gegen Ende seiner Haft verschleppte ihn die Leipziger Gestapo ins KZ Sachsenhausen. Dort kam er 1942 ums Leben. Seine Frau Taube floh 1939 illegal nach Belgien, wurde später nach Auschwitz deportiert und dort ebenfalls 1942 ermordet. Um 10.30 Uhr wird für die Familie ein Stolperstein in der Nikolaistraße 31 verlegt.

 

Danach erhält um 11.00 Uhr der Künstler Rudi Zerbst einen Stolperstein an der Verfassungslinde 2. Seine Lebensweise entsprach nicht den nationalsozialistischen Normen. Zerbst wurde als „asozial“ bezeichnet und aus diesem Grund im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert, was er nicht überlebte. Anwesend sind bei der Stolperstein-Verlegung auch Familienangehörige aus Deutschland.

 

Im Anschluss folgt im Beisein des Ensembles amarcord um 11.30 Uhr in der Körnerstraße 26 die Verlegung der Erinnerungssteine für die jüdische Sängerin Berta Kruszynski und ihre beiden Schwestern. Alle drei sollten während des Krieges ihre Wohnung verlassen und in ein „Judenhaus“ umziehen. Im Jahr 1942 fuhren die drei Schwestern mit anderen Menschen in zwei Transporten nach Osten, wo sie auf ein neues Leben hofften. Aber die Transporte brachten sie nicht zu einem besseren Leben, sondern ins Ghetto und weiter ins KZ nach Majdanek. Die drei Schwestern wurden vermutlich in den Gaskammern des Vernichtungslagers Majdanek ermordet. Um 13.30 Uhr werden in der Eisenbahnstraße 47 die Stolpersteine für Samuel Hundert, seine Schwester Mania und ihren Mann Josef Weißblüth verlegt. Höchstwahrscheinlich wurden sie im jüdischen Ghetto in Stanislau getötet. Drei weitere Stolpersteine werden um 14.00 Uhr in der Zweinaundorfer Straße 18 für Marie Schleifstein und ihre beide Söhne eingelassen. Nur ein Sohn konnte nach England fliehen. Das Schicksal der Mutter und des zweiten Sohnes ist bis heute ungeklärt. 1942 befanden sie sich im Ghetto Radom. Kaum jemand aus diesem Ghetto hat überlebt. Bei der Stolperstein-Verlegung werden Familienangehörige aus Berlin erwartet.

 

Mit drei weiteren Stolpersteinen wird um 14.30 Uhr in der Kurt-Günther-Straße 12 an Familie Günther erinnert. Kurt Günther arbeitete als Redakteur der sozialdemokratischen Leipziger Volkszeitung (LVZ). Mit dem Verbot der Zeitung durch die Nationalsozialisten verlor er seine Arbeit. Wegen des politischen Engagements und der aktiven Zusammenarbeit mit der SPD wurde er in Dresden zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach dem Ende wurde er aber nicht entlassen, sondern blieb in Buchenwald inhaftiert und verstarb dort. Seine Frau Milda ertrug es nicht und beging Suizid. Sohn Lothar wurde mit 17 Jahren in die Wehrmacht eingezogen und starb an der Front.

 

Für den in Auschwitz ermordeten Leo Singer wird um 15.00 Uhr ein Stolperstein in der Funkenburgstraße 27 eingelassen. Er hatte eine Beziehung mit einer nicht jüdischen Frau. Weil die Polizei das für „Rassenschande“ hielt, kam er ins Konzentrationslager, wo er starb. Die letzten Stolpersteine werden um 15.30 Uhr für die Familie Bäuml in der Humboldstraße (Ecke Nordstraße) verlegt. Die Eltern von Regina Bäuml starben 1941 im Ghetto. Sie selbst, ihr Mann und ihr 6-jähriger Sohn Joachim konnten nach Belgien und von dort nach Frankreich fliehen. Aber an der Grenze wurden sie als Deutsche verhaftet und getrennt. Eine Hilfsorganisation rettete den kleinen Joachim. Er überlebte den Krieg in einem französischen Kinderheim und flog mit 12 Jahren zu Großtante und Großonkel in die USA, wo er bis heute lebt. Seine Eltern wurden in Auschwitz umgebracht.

 

Seit 2006 erinnern insgesamt 480 STOLPERSTEINE in Leipzig an Opfer der NS-Diktatur

 

In Leipzig begann das Projekt am 3. April 2006 mit der Verlegung von 11 Steinen durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig. Koordiniert werden seitdem sämtliche Verlegungen durch die Arbeitsgemeinschaft „STOLPERSTEINE in Leipzig“, die von der Stadt Leipzig beauftragt ganz bewusst parteiübergreifend arbeitet. Die Arbeitsgruppe koordiniert nicht nur die Steinverlegungen, sondern steht für die Betreuung interessierter Gruppen und deren Recherchen zur Verfügung, plant Termine rund um die STOLPERSTEINE, kümmert sich um den medialen Auftritt der Projekte und hält Kontakt zu Hinterbliebenen und Angehörigen. Zur Arbeitsgruppe gehören das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig, der Ev.-Luth. Kirchbezirk Leipzig und das Bürgerkomitee Leipzig e.V., Träger der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Durch das Engagement und die investierte Arbeit dieser Einrichtungen konnten die STOLPERSTEINE Erinnerungen an die Schicksale der vielen Opfer im Nationalsozialismus schaffen und so einen wichtigen Teil zum kollektiven und auch individuellen Bewusstsein der Stadt beitragen.

 

Das Projekt STOLPERSTEINE braucht Paten

 

Um die Geschichte weiterer individueller Schicksale aus Leipzig in Erinnerung zu rufen, braucht das Projekt STOLPERSTEINE auch künftig die Unterstützung vieler Menschen. Für jeden STOLPERSTEIN werden Paten gesucht: Privatpersonen oder Vereine, Stiftungen, Parteien etc. können das für die Herstellung und Verlegung nötige Geld (120 € pro Stein) spenden (Konto der Stadt Leipzig: Ktnr. 1010001350, BLZ 86055592, Sparkasse Leipzig, Verwendungszweck/Zahlungsgrund – unbedingt angeben VG 5.0451.000007.0).

 

Anliegen des Projekts ist es, im öffentlichen Stadtraum, unmittelbar vor den früheren Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus, auf deren Schicksal aufmerksam zu machen. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der ähnliche Projekte in zahlreichen anderen Städten betreut, fertigt dazu Betonsteine mit verankerter Messingplatte in einer Größe von 10x10x10 Zentimetern und lässt diese in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern der Deportierten ein. In die Messingtafel des Steins sind die Worte „Hier wohnte“ und darunter Name, Jahrgang und Schicksal der betreffenden Person eingestanzt.

 

Pressekontakt für weitere Informationen und Bildmaterial: Bürgerkomitee Leipzig e. V., Tobias Hollitzer, Tel. 0341/961 2443, mail@runde-ecke-leipzig.de

 

Pressemitteilung als PDF-Datei.


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