Dora und Hirsch Selinger

Hirsch / Hermann Selinger wurde am 2.4.1882 in Rzeszow geboren und 1910 kam er nach Leipzig. Seit 1918 wohnte er mit seiner Ehefrau Dora, geb. am 29.8.1886 in Tarnow; und den drei Söhnen Israel (Jg. 1910), Max (Jg. 1914) und Paul (Jg. 1920) in der Keilstraße 3. Die drei Kinder gingen später nach Palästina.

Hirsch Selinger unterhielt in Wichenbergs Hof, Gerberstraße 19-27 ein Schuhsortimentslager mit Einzelverkauf. In der Gerberstraße 5 hatte er zudem ein Einzel Handelsgeschäft für Schuhwaren, in dem Schuhe auch in Ratenzahlungen erworben werden konnten. Durch die Nähe zum Bahnhof zählten nicht nur Leipziger des Viertels zur Kundschaft, sondern auch die in die Stadt kommende Landbevölkerung. Im Stadtgebiet besaß Hirsch Selinger weitere Schuhgeschäfte, u.a. 1926 in der Burgstraße 7 und 13 sowie in der Nürnberger Straße 11. Ein weiteres Geschäft befand sich in Döbeln.

Hirsch Selinger war jahrelang für den Israelitischen Krankenunterstützungsverein „Bikur Cholim“ tätig und gehörte zu den Mitunterzeichnern des Schreibens jüdischer polnischer Staatsangehöriger an das Leipziger Polizeipräsidium vom 25.11.1938. Darin wurde die Bitte geäußert die Tiktiner Synagoge in der Richard-Wagner-Straße 3 wiederzueröffnen. In der Pogromnacht wurden die meisten Synagogen zerstört. Die verbliebenen wurden nun behördlich geschlossen. Die Ablehnung dieses mutigen Gesuchs wurde Hirsch Selinger bei der Gestapo mitgeteilt.

Das Ehepaar Selinger musste am 1.8.1939 unter Androhung von Strafe Deutschland verlassen und wurde nach Polen abgeschoben.

Im Vernichtungslager Belžec, wo zwischen März und Dezember 1942 über 400.000 Menschen ermordet wurden, kamen Hirsch Selinger (60 Jahre) und Dora Selinger (55 Jahre) im Juli 1942 ums Leben.

Quelle: Barbara Kowalzik: Jüdisches Erwerbsleben in der inneren Nordvorstadt Leipzigs 1900-1933, 1999