Familie Walltuch

Dr. med. Moses Michel Walltuch, seine Frau Chaja Lea und seine Söhne Aron und Nathan

Michel Moses Walltuch wurde am 3. Oktober 1899 in der Kleinstadt Busk bei Lemberg (heute Lwiw, Ukraine) als erster Sohn des Kaufmanns Abraham Walltuch und seiner Frau Cira geboren. Seine Eltern kamen 1903 nach Leipzig und bauten sich in der wachsenden Industrie-, Messe- und Rauchwarenmetropole eine neue Existenz auf. Michel kam in Leipzig zur Schule, besuchte die Volks- und Realschule und legte 1918 in der Oberrealschule die Reifeprüfung ab. Im gleichen Jahr begann er an der Leipziger Universität ein Medizinstudium, das er im Dezember 1923 mit einem erfolgreichen Staatsexamen und im Jahr 1924 mit dem Praktischen Jahr beendete. Ebenfalls 1924 wurde Michel Walltuch mit dem Thema „Die Bestimmung der Kohlensäurespannung in der Alveolarluft mittels des tragbaren Gasinterferometers“ promoviert.

Nach dem Erhalt der Approbation 1925 arbeitete Dr. Walltuch zunächst als Assistent in der Kinderklinik der Leipziger Universität unter Prof. Dr. Catel. Er publizierte auch gemeinsam mit ihm in der Monatsschrift für Kinderheilkunde. Diese Publikationstätigkeit sollte 1946 in einem Brief Catels an den Rektor, in welchem er seine „Entnazifizierung“ beantragte, noch einmal eine gewichtige Rolle spielen. Er beschwor darin unter anderem auch die kollegiale Zusammenarbeit mit Walltuch und meinte, „... dass dieser aufrechte Mann mich in ebenso guter Erinnerung tragen wird wie ich ihn.“ Wo war diese Standessolidarität, diese Bekundung einer Freundschaft zu der Zeit, in der sie für Walltuch und so viele andere lebenswichtig, vielleicht lebensrettend gewesen wäre!

Da 1928 die Assistenz nicht verlängert wurde, ließ er sich im gleichen Jahr in der Funkenburgstraße 7 als Kinderarzt in eigener Praxis nieder. Hier war er bis 1938 tätig. Seine Wohnung hatte er zunächst in der Eutritzscher Straße 2. Die letzten beiden Wohnadressen vor der Deportation waren die Gottschedstraße 19 und die Jacobstraße 7.

Wann genau er eine Familie gegründet hat, ist nicht bekannt. Er war mit Chaja Lea (geb. Schapira) verheiratet, die 1912 in Przeworsk (Österreich-Polen), geboren wurde. Es ist kaum etwas über Chaja bekannt. Im Mai 1938 wurde der erste Sohn der Familie, Nathan, geboren und im Juli 1941 brachte sie Aron zur Welt.

Zurück in das Jahr 1938. Im September 1938 traf Dr. Walltuch – wie alle jüdischen Ärzte – der Approbationsentzug und damit der Entzug jeglicher beruflicher Basis. Jedoch: Mit der Anordnung des Leipziger Gesundheitsamtes vom Oktober 1938 gehörte Dr. Michel Walltuch zu den Ärzten, die als so genannte „Krankenbehandler“ weiterarbeiten durften – er als einziger Kinderarzt – mit täglich einer Stunde Sprechzeit.

Am 14. Dezember 1939 wurde das Israelitische Krankenhaus zwangsweise nach Dösen ausgelagert. Dr. Otto Michael war gemeinsam mit Dr. Michel Walltuch dort für die medizinische Betreuung der 29 Patienten vorgesehen. Mehr als zwei Jahre setzte sich Dr. Walltuch unter den widrigsten Bedingungen und mit höchsten auch physischen Kraftanstrengungen für die jüdischen Patienten ein.

Waren er und seine Familie noch einmal von der Liste zur ersten Deportation im Januar 1942 nach Riga gestrichen worden, kamen die Walltuchs dann am 10. Mai 1942 nicht mehr mit dem Leben davon! Das Ziel für Dr. Walltuch, seine Frau, den 9 Monate alten Aron und den 4-jährigen Nathan hieß Ghetto Bełżyce. Das Ghetto Bełżyce wurde am 22. Mai 1942 liquidiert. Ob sie, wie Verwandte unterschiedlich annehmen, kurz darauf im Vernichtungslager Bełżec oder im „Distrikt Lublin“ umkamen, ist nicht feststellbar.

Im Juli 2001 rehabilitierte die Universität Leipzig offiziell die von den Depromotionen in der NS-Zeit Betroffenen. Darunter war auch Dr. med. Michel Moses Walltuch.

 

Recherchen: Dr. Andrea Lorz