Familie Teutsch

Friedrich Wilhelm Teutsch wurde am 21.10.1882 in Venningen (Pfalz) geboren, wo seine Familie seit Jahrhunderten ansässig war. Im Frühjahr 1914 kam Friedrich Wilhelm Teutsch nach Leipzig und eröffnete in der Ritterstraße eine Textilwaren-Großhandlung. Am 6. Mai 1920 heiratete er in Venningen, die ebenfalls dort geborene Elisabeth Babette Teutsch (*05.08.1898). In Leipzig gründeten die Eheleute eine Familie. Kurt wurde am 06.02.1921 und Hans am 04.05.1923 geboren. Seit 1931 wohnte die Familie in der Eutritzscher Straße 45. Die beiden Kinder waren begeisterte Sportler. Hans trat 1932 der Fußballmannschaft von Olympia Germania Leipzig bei.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte das Schicksal der Familie auf dramatische Weise, denn jetzt wurden sie plötzlich als Juden stigmatisiert. Bereits 1934 entließ man aus allen Sportvereinen die jüdischen Mitglieder, so mussten auch die Kinder Teutsch Olympia verlassen. In diesem Jahr wurde in Leipzig der jüdische Sportverein „Schild“ durch den „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ (R.j.F.) gegründet. Der Reichsbund war die größte jüdische Vereinigung in der Weimarer Republik und wollte eine Antwort auf den sich vehement ausbreitenden Antisemitismus geben. Ziel der Mitglieder war es zu zeigen, dass sie integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind.

Kurt und Hans Teutsch wurden nun Mitglied von „Schild“. Gespielt werden konnte nur gegen Schild-Mannschaften aus anderen Städten. Auch gegen andere jüdische Sportvereine (Bar Kochba, Hakoah) konnte nicht gespielt werden. Die zionistischen bzw. orthodoxen Gruppen akzeptierten „Schild“ nicht. Nach der Pogromnacht am 10. November 1938 wurden „Schild“ und alle anderen jüdischen Sportvereine verboten.

Kurt Teutsch besuchte das König Albert Gymnasium (heute: Gelände des Parkhauses des Zoos Leipzig), das er jedoch 1935 verlassen musste. Er erlernte den Beruf eines Schmelzers und ging im September 1937 zum Studium an die Städtische Technische Lehranstalt Bodenbach im böhmischen Sudetenland. Nach dessen Besetzung 1938 konnte Kurt nach Prag fliehen. Kurz vor dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei im März 1939 gelang ihm die Flucht nach England und weiter in die USA. Dort arbeitete er später als Psychiater. Kurt Teutsch starb 2005.

Hans Teutsch musste im Mai 1938 als letzter jüdischer Schüler die Wirtschaftsoberschule ohne Abschluss verlassen. Wenig später, im August 1938, konnte sein Vater in die USA übersiedeln. Von dort versuchte er, Visa für seine Familie zu erhalten. Es gelang ihm jedoch lediglich, dass seine Söhne eine Nummer auf der Warteliste für ein Visum erhielten. Auf der Rückreise nach Leipzig erreichte ihn die Nachricht, dass die Gestapo am 11. November 1938 versucht hatte, ihn in seiner Wohnung in der Eutritzscher Straße zu verhaften. Er blieb deshalb in Rotterdam.

Hans wurde bei diesem Gestapo-Besuch am Morgen nach der Pogromnacht mitgeteilt, wenn er an seinem 16. Geburtstag noch in Leipzig wäre, würde er verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Es blieben noch sechs Monate. Es gelang ihm tatsächlich, alles Erforderliche zu organisieren und mit einem der sogenannten Kindertransporte per Zug nach England auszureisen. Am 17. Mai 1939 brachte seine Mutter ihn weinend zum Hauptbahnhof.  Sie ahnte, dass es kein Wiedersehen geben würde.

In England änderte Hans Teutsch seinen Namen in John Toyne. Er machte eine technische Lehrausbildung in einer Fabrik und heiratete. Später arbeitete er in einem Lebensmittelimportunternehmen im kaufmännischen Bereich.

Die Eltern konnten sich nicht retten. Im April 1940 musste Elisabeth Teutsch in eines der sogenannten „Judenhäuser“ in die Funkenburgstr. 15 ziehen. Im Dezember 1940 wurde sie zu ihrem Mann nach Assen in den Niederlanden abgeschoben. Nachdem die Nazis  beschlossen hatten, die europäischen Juden zu ermorden, kamen die Eheleute am 03.10.1942 in das Lager Westerbork. Von hier aus gingen die Züge in die Vernichtungslager im Osten. Bis Auschwitz brauchten sie drei Tage. Am 31.08.1943 wurden Elisabeth (45 Jahre) und Friedrich Wilhelm Teutsch (60 Jahre) nach Auschwitz deportiert. Nach Ankunft des Zuges am 03.09.1943 wurden sie sofort ermordet.

Recherchen: Cordula Schröder

Paten: 39 Kleinspenden (u.a. Roter Stern Leipzig – Ü40-Fußballmannschaft)