Familie Affenkraut

„Bis ungefähr 1934 lebte ich glücklich und sorgenfrei mit meiner Familie in der Humboldt-straße.“* Das schrieb im Jahr 1944 Edith Affenkraut, die jüngste Tochter der 10-köpfigen Familie, nach ihrer Befreiung in Frankreich über ihre früheste Kindheit.

Ihr Vater, der Kaufmann Israel Affenkraut (geb. am 15. Juni 1885 in Bochnia), heiratete am 21. Oktober 1911 Dora Ungar (geb. am 31. Oktober 1884 in Wisnicz). Die jungen Eheleute kamen im April 1912 nach Leipzig. Im darauf folgenden Jahr am 26. April 1913 wurde ihre erste Tochter Sonia geboren. Sonia heiratete im März 1936 Mordechai Spector. Mit Hilfe eines Nansen-Passes (Reisepass für Staatenlose) gelang ihr 1938 die Flucht nach Italien und im Jahr darauf die Weiterreise in die USA. Am 1. Mai 1915 kam der einzige Sohn der Familie Affenkraut, Igon, zur Welt. Er erlernte das Kürschner-Handwerk und verließ bereits 1934 Leipzig und floh nach Palästina. Im Herbst 1937 besuchte er für sechs Wochen noch einmal seine Eltern, bevor er endgültig in Palästina blieb. Am 4. März 1917 kam Cilli zur Welt. Wie ihr Bruder Igon absolvierte sie in einem Umschulungslager die „Hachschara“. Dies galt als Voraussetzung für den Erhalt eines "Arbeiterzertifikats" zur Einwanderung in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Cilli gelang damit im Jahr 1937 die Flucht. Rosel Affenkraut wurde am 19. November 1918 geboren. Aus ihr wurde „eine gute Schneiderin“*. Ihr gelang die Flucht aus Deutschland nicht.
Ihre Schwester Klara wurde am 7. April 1920 geboren. Auch ihr gelang die Flucht nicht. Ruth kam am 31. Januar 1926 zur Welt. Das Schicksal von Leni Affenkraut war der Ausgangspunkt für diese umfangreichen Recherchen. Ihr Name war als erstes bekannt. Er wurde auf den Transportlisten vom französischen Internierungslager Drancy nach Auschwitz entdeckt. Leni wurde am 8. November 1927 geboren. Im Oktober 1938 begann für sie und ihre Familie die Odyssee einer Flucht, die Leni nicht überlebte. Die jüngste Tochter war Edith. Sie wurde am 11. Oktober 1929 geboren.

Im Zuge der massenhaften Ausweisung polnischer Juden aus Deutschland am 28. Oktober 1938 sollte auch die Familie Affenkraut abgeschoben werden. Zusammen mit ihren Töchtern Rosel, Klara, Ruth, Leni und Edith wurde den Eheleuten allerdings die Einreise nach Polen verwehrt, da die polnischen Pässe fehlten.
Zwei Tage später kam die Familie nach Leipzig zurück: „Es war im Oktober. Meine Schwester Leni und ich waren in der Schule. Auf einmal sahen wir Polizisten in der Sporthalle. Sie ließen die Eltern und Cousinen, die die Kinder abholen wollten, nicht mehr heraus. Sie wurden alle direkt nach Polen geschickt. […] Als wir zu Hause ankamen, haben wir meiner ungläubigen Mama alles erzählt. Sie hatte schreckliche Angst, weil Papa bei der Zwangsarbeit war. Sie war sich sicher, dass er schon deportiert worden war. Meine Schwester Klara rannte in die eine Richtung, um Papa zu suchen. Meine andere Schwester Rosa rannte in die andere. Das war an einem Freitag im Oktober. Irgendwann kamen sie endlich wieder. Wir haben unsere Taschen gepackt und gegen 18 Uhr hat uns ein Polizist abgeholt und wir mussten nach Beuthen. Wir hatten Glück. Weil wir Kinder nicht auf den Pässen unserer Eltern standen, konnten wir die Grenze nicht überqueren und wurden zurück nach Leipzig geschickt. Wir kamen am Sonntag wieder in Leipzig an.“ (Edith, 1944)*


Im Juli 1939 wollte die Familie nach Belgien fliehen. Ruth konnte noch kurz vorher mit einem Kindertransport nach Palästina gerettet werden. Als die restliche Familie am 14. Juli 1939 an der deutsch-belgischen Grenze stand, wurde Mutter Dora sowie Rosel und Klara die Einreise verwehrt. Ihnen fehlten als „staatenlose“ Menschen die nötigen Einreisepapiere. Nun wurde die Familie endgültig getrennt. Die drei Frauen mussten nach Leipzig zurückfahren. Klara ging im Jahr 1940 in ein Umschulungslager nach Paderborn, um die Ausreise nach Pa-lästina vorzubereiten. Doch dazu kam es nicht mehr. Vermutlich hat sie dort geheiratet, denn als Klara Angress wurde sie am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Klara war 22 Jahre alt.
Dora Affenkraut und ihre Tochter Rosel wurden am 21. Januar 1942 mit dem ersten Trans-port aus Leipzig nach Riga deportiert. Während Rosel das Ghetto und das KZ Kaiserwald überlebte und 1945 befreit wurde, verliert sich in Riga die Spur ihrer Mutter. Dora Affen-kraut war 57 Jahre alt.
Vater Israel konnte mit den beiden jüngsten Töchtern zunächst Zuflucht in Belgien finden. Alle drei flohen weiter nach Frankreich. Nach der Besetzung des Landes und der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung gelang es Israel seine jüngste Tochter Edith in einem Kloster zu verstecken. Edith konnte dadurch gerettet werden.
Leni und ihr Vater kamen in das Lager Rivesaltes und wurden am 24. August 1942 in das Lager Drancy gebracht, von wo aus die Züge in die Vernichtung fuhren. Zwei Tage später wurden beide nach Auschwitz deportiert und ermordet. Israel Affenkraut war 57 Jahre alt, Leni gerade 14 Jahre.

„Ich habe so lange gelitten, ja ich leide immer noch, und bald soll ich nun endlich wieder ‚zu Hause‘ sein. Aber wo sind meine Eltern und 3 meiner Schwestern? Wo sind sie? Werde ich sie eines Tages wiedersehen? Wer weiß es? Das ist es was an meinem Herzen nagt. Jetzt bin ich glücklich, aber was ist mit meinen lieben Eltern? Ich hoffe, mit Gottes Hilfe, sie eines Tages wiederzusehen.“* So endet der handgeschriebene Bericht der 14-Jährigen nach ihrer Befreiung auf dem Weg zu ihrer Schwester in die USA.
* (Quelle: United States Holocaust Memorial Museum)

Recherchen: Johanna Sarah Mai (Reclam-Gymnasium)
Paten: Manfred Haber, Arndt Wießner, Johanna Sarah Mai, Emmanuelle Mai, Cornelia Rosenthal, Christine Girbig, Marisa Batscharow