Familie Reiß

Hermann Reiß ist am 9. Dezember 1871 in Ulrichstein geboren worden. Die Eltern Nathan und Theresa Reiß hatten sieben weitere Kinder. Drei Geschwister starben im ersten Lebensjahr. Mit Hermann wuchsen seine Brüder Siegmund, Sally und Louis sowie seine Schwetser Berta in der hessischen Kleinstadt auf. Hermann, der älteste, wurde wie seine drei Brüder Kaufmann. Seit 1903 wohnte er in Leipzig. Hier lernte er seine später Frau Elfriede Gertrund Baumgarten kennen. Sie ist am 22. Mai 1897 in Zeitz geboren worden. Gertrud brachte in Cröbern bei Gaschwitz am 11. September 1916 den gemeinsamen Sohn Georg Adolf zur Welt.
Hermann wurde im Februar 1917 im Alter von 45 zum Militär eingezogen. Ein Jahr nach dem Krieg heirateten Hermann und Gertrud am 3. November 1919 in Leipzig. Die Famile wohnte in der Promenadenstraße 11 (von 1939 bis 1945 Mackensenstraße 11, heute Käthe-Kollwitz-Straße 11).
Durch die nationalsozialistische Rassenpolitik änderte sich das Leben der Familie. Nach den Nürnberger Gesetzen erhielt Hermann in der Polizeiakte den Stempel "J" für Jude, außerdem wurde als Zusatzname "Israel" eingetragen. Bei seiner Frau Gertrud wurde "Deutschblütig" [sic!] ergänzt und auch der Sohn Georg Adolf erhielt mit "Mischling I. Grades" eine aktenkundige Markierung.
Durch diesen bürokratischer Akt war die Familie kategorisiert. Hermann wurde nach und nach die Arbeits- und Lebensgrundlage entzogen. Laut Aussage seiner Frau "nach der Progromnacht die Existenz zerschlagen. Er verdiente nichts mehr, musste Zwangsarbeit für 0,10 RM leisten."
Als Freunde aus Holland ihm 1942 Stoffe schickten, die Hermann verkaufte, um die größte wirtschaftliche Not zu lindern, wurde er angezeigt. Die Gestapo verhaftete ihn und seine Frau wegen "Kriegswirtschaftsverbrechen" am 30. Juni 1942.
Gertrud Reiß vermutet in ihrem Antrag auf VdN-Rente vom 15.11.1951, dass hier ein Vorwand gesucht wurde, um das Ehepaar, welches durch die "Mischehe" einen gewissen Schutz hatte, zu verhaften, zur Scheidung zu zwingen und sie aus der Wohnung zu treiben, denn das "Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden" vom 30.04.1939 galt für die Familie Reiß nicht.
Am 23.09.1942 wurde Hermann laut Polizeiakte wegen "Beiseiteschaffung lebenswichtiger Erzeugnisse" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Frau Gertrud erhielt am gleichen Tag eine einjährige Gefängnisstrafe. Außerdem wurde sie durch die Gestapo gedrängt, sich scheiden zu lassen. Auf Anraten ihres Anwalts reichte sie pro forma die Scheidung ein. Dies sollte die Wohnungsräumung verhindern. Er wies sie daraufhin, dass sie nach ihrer Haftentlassung den Antrag wieder rückgängig machen könne.
Aufgrund dieses Scheidungsantragen wird Gertrud im Jahr 1952 die Rente als VdN-Hinterbliebene verwehrt.
Inwieweit Hermann in der Haft von dem Scheidungsantrag informiert war, ob dies für ihn der letzte Verlust von "Schutz" durch die "Mischehe" bedeutetet, ob er dadurch Angst vor der Deportation hatte, muss offen bleiben.
Laut Sterbeurkunde ist der Tod von Hermann Reiß mit dem 23.11.1942 angegeben.
Die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig verzeichnet den "Freitod" am 24.11.1942 [vielleicht ein Schreibfehler]. Die Umstände seines Todes werden wohl nie eindeutig geklärt werden können. Gertrud bezweifelte in ihrer Aussagen beim Antrag auf die VdN-Rente den Selbstmord von Hermann, da er an beiden Händen durch Verbrennungen seit 1941 gelähmt war. Sie gab "Verbrühungen in einem Anfall von Bewusstlosigkeit als Folge seiner Herzkranzverkalkung" an.
Die Beisetzung von Hermann Reiß fand am 26.11.1942 auf dem Alten Friedhof in der Berliner Straße 123 in Leipzig statt. Gertrud wird am 15.05.1943 aus der Haft entlassen. Das Haus in der Mackensenstraße 11 und damit die Wohnung der Familie Reiß wird bei den Fliegerangriffen der Alliierten zerstört.
Auch der Sohn Georg Adolf blieb nicht von den Verfolgungen verschont. Am 25.10.1938 wird er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, später verhaftet und nach Osterode ins Zwangsarbeitslager für "Mischlinge" verbracht.
Georg Adolf Reiß stirbt am 3.12.1949 in Sosa.
Im März 1955 wird Gertrud Reiß als Hinterbliebene eingestuft, da ihr Sohn in Osterrode war und 1949 gestorben ist.
Am 7.10.1955 wird sie wegen "illegelaer Republikflucht" in Leipzig abgemeldet. Gertrud stirbt am 29. Juni 1960 und wird auf dem Südfriedhof in Leipzig neben ihrem Sohn im Familiengrab beigesetzt.

 

Recherchen: Anne Kirkamm
Paten: Familie Weiche / Kirkamm