Diakonisse Marie Runkel

Marie Runkel wurde am 8. November 1878 als viertes Kind der Familie Runkel in Merseburg geboren. Ihr Vater war Maurer und starb früh, ebenso drei Geschwister von insgesamt sieben. Nach der Bürgerschule war sie von ihrem 16. bis zum 29. Lebensjahr Dienstmädchen, unter anderem bei einem Arzt, wo sie ihre Liebe zur Krankenpflege entdeckte. Christlich aufgewachsen, trat sie 1907 ins Leipziger Diakonissenhaus ein, wo sie auf verschiedenen Stationen des Krankenhauses und in der Gemeindearbeit die Krankenpflege erlernte. Obwohl ihr der geforderte Gehorsam innerhalb der Lebens- und Dienstgemeinschaft der Schwesternschaft oft schwerfiel, bat sie 1913 um ihre Einsegnung als Diakonisse. Fortan arbeitete sie als Krankenschwester an der Leipziger Augenklinik, in der Michaelisgemeinde und im Krankenhaus Döbeln. 1924 übernahm sie die Gemeindepflege in Böhlitz-Ehrenberg, wo sie bis zu ihrer Erkrankung 1935 tätig blieb. Sie lebte in einer Schwesternwohnung und versorgte täglich hilfsbedürftige Menschen. Ihre Arbeit wurde in der Kirchgemeinde hochgeschätzt, was u. a. die Honorierung ihres 25-jährigen Schwesternjubiläums mit einer Vase aus Meißner Porzellan belegt.

Im Januar 1935 rief sie die Oberin Rietschel zur Erholung ins Mutterhaus nach Leipzig-Lindenau, da sie sich in ihrem Verhalten verändert hatte. Vermutet wurde, dass dies im Zusammenhang mit dem zeitnahen Tod zweier wichtiger Bezugspersonen stand, einer langjährigen Freundin und des Gemeindepfarrers von Böhlitz-Ehrenberg. Die Hinweise auf eine ernsthafte Erkrankung vermehrten sich: „Sie hört seit Jahren Stimmen, die ihr dies u. das befehlen […]. Sie sagt, es sei ein zweiter Mensch in ihr […].“ (Brief von Marianne Vogel, Witwe des Gemeindepfarrers, an die Oberin des Diakonissenhauses Heidi Rietschel, 9.2.1935). Zunächst wurde versucht, sie im Mutterhaus zu beschäftigen oder im hauseigenen Altenheim in Trachenau unterzubringen, doch habe sich laut der Oberin „der unklare Zustand bei ihr so verschärft“, dass sie im November 1935 vom Chefarzt des Diakonissenhauses in die Leipziger Universitätsnervenklinik eingewiesen wurde. Von dort aus kam sie am 5. Dezember 1935 in die Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen, wo bei ihr Schizophrenie diagnostiziert wurde.

Die Oberin und Schwestern des Diakonissenhauses besuchten sie ein-zweimal im Jahr in der Heilanstalt. Das Mutterhaus wurde am 21. Februar 1941 darüber informiert, dass Marie Runkel „auf Grund einer Anordnung des zuständigen Herrn Reichsverteidigungskommissars“ in die Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß verlegt worden war. Als sie am 23. März zwei Schwestern des Diakonissenhauses besuchen wollten, konnten sie Marie Runkel dort aber nicht mehr auffinden. Am 27. März 1941 wurde ihre Familie benachrichtigt, dass sie am selben Tag an „Hirnschwellung“ verstorben sei. Tatsächlich war sie bereits am 17. März im Rahmen der nationalsozialistischen Mordaktion an psychisch kranken und behinderten Menschen („T4“) zusammen mit 81 weiteren Menschen aus Zschadraß in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein gebracht worden. Dort wurde sie höchstwahrscheinlich noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet.

Recherchen: Dr. Fruzsina Müller

Pate: Ev.-luth. Diakonissenhaus Leipzig e. V.

Stolpersteinverlegung am 21. Juni 2018 um 09.00 Uhr in der Georg-Schwarz-Str. 49 (Diakonissenkrankenhaus).