Berta, Emma und Jenny Kruszynski

Die sechsköpfige jüdische Familie Kruszynski traf am 3. Januar 1888 aus Bromberg (Bydgoszcz) kommend in Leipzig ein.

Vater Samuel Kruszynski, wohnhaft in der Leipziger Nürnberger Straße 39, betrieb in der nahe gelegenen Roßstraße 17 einen Zigarrenhandel. Er verstarb wahrscheinlich 1892.

Mutter Therese Kruszynski (geb. Levit), wahrscheinlich aus der Bromberger Buchhändler- Familie stammend, führte nach dem Tod ihres Mannes das Zigarrengeschäft weiter und ermöglichte so ihrer Tochter Bertha das Musikstudium. Sie verstarb wahrscheinlich 1912.

Sohn Moritz, Kaufmann, betrieb in der Zeitzer Straße 56 (heute Karl-Liebknecht-Straße) einen Geldschrankhandel. Ab 1915 wohnte er mit seinen drei Schwestern in Leipzig, in der Körnerstraße 26. Er verstarb wahrscheinlich 1919.

Tochter Bertha, geboren am 26. Dezember 1878 in Bromberg, war die älteste von den drei Schwestern Kruszynski. Sie studierte erfolgreich am „Königlichen Conservatorium der Musik zu Leipzig“ vom 18. April 1895 bis 15. Juli 1899 Gesang, Musiktheorie und Klavier. Klavier und Musiktheorie belegte sie bei Samuel Jadassohn (1831-1902), einem herausragenden Vertreter jüdischer Musikkultur. Gesang belegte sie bei Friedrich Rebling. Auf ihrem Zeugnis werden ihr „schöne Anlagen zum Koloraturgesang“ bescheinigt, auch „konnte [sie] schwierige Koloraturarien bewältigen“. Nach ihrem Studium weilte sie ein Jahr in London, um möglicherweise ihr Studium an der „Londoner Academy of Music“ fortzusetzen. Sie arbeitete als Konzertsängerin, Musik- und Klavierlehrerin. Sie hatte Gesangs-Soloauftritte und war Sopranistin im ersten „Leipziger Vokalquartett“ von 1903 bis zu dessen Auflösung 1905.

Schwester Emma, geboren am 11. November 1880 in Bromberg, war Buchhalterin im Leipziger Israelitischen Krankenhaus (Eitingon).

Schwester Jenny, geboren am 17. November 1883 in Bromberg, war Stenotypistin und gründete 1912 ein Büro für Schreibmaschinenarbeiten und Vervielfältigungen in der Zeitzer Straße 58 in Leipzig (heute Abschnitt der Karl-Liebknecht-Straße).

Seit dem 1. Oktober 1915 wohnten die drei Schwestern zusammen mit ihrem Bruder in der Körnerstraße 26, zweite Etage. Sie blieben unverheiratet; über Kinder ist nichts bekannt. Am 6. Februar 1939 mussten die drei Schwestern ihre Wohnung verlassen. Es erfolgte die Zwangseinweisung in eines der sogenannten „Judenhäuser“ in der Funkenburgstraße 15. Anfang Mai 1942 mussten sich die drei Schwestern am Sammelpunkt, der 32. Volksschule in der Leipziger Yorkstraße, einfinden. Dort wurde der zweite Transport jüdischer Bürger von insgesamt neun Leipziger Deportationen zusammengestellt. Ihnen wurde noch Hoffnung auf den Beginn eines neuen Lebens im Osten vorgegaukelt. So durften sie eigenes Gepäck mitbringen. Sie sollten sich mit Winter- und Sommerkleidung ausrüsten und auch Verpflegung einpacken. Der Zug der Deutschen Reichsbahn, wahrscheinlich kamen letztmalig für Deportationen noch Personenwagen zum Einsatz, setzte sich am 10. Mai 1942 vom Güterbahnhof Engelsdorf in Richtung des polnischen Bełzyce (Vorort von Lublin) in Bewegung. Die noch folgenden sieben Leipziger Deportationen erfolgten mit Güterwagen. In den Polizeiakten der Schwestern wurde das Datum der Deportation und mit gefühlloser und unsagbar gleichgültiger Gründlichkeit „abgeschoben“ vermerkt. Die polizeilichen Meldeblätter im Polizeipräsidium Leipzig wurden geschlossen; die Schwestern hörten auf zu existieren.

Zwei Tage später kam der Leipziger Transport mit insgesamt 287 Männern, Frauen und Kindern im Ghetto Bełzyce an.* Dort waren zusammengepfercht und unter unsäglichen Bedingungen schon 3.600 Menschen interniert. Um im Ghetto für die Leipziger „Platz zu schaffen“, wurden am Vortag ihrer Ankunft alle arbeitsfähigen Männer in das Konzentrationslager Majdanek (in Lublin, Polen) „überstellt“.

Ab Mitte Oktober gleichen Jahres begann die „Räumung“ des Ghettos. Die Menschentransporte führten vom Ghetto direkt in das nahe gelegene Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek. Im Mai 1943 war die „Räumung“ des Ghettos abgeschlossen. Seit der Ankunft im Ghetto gelten die Schwestern Kruszynski als verschollen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind sie in den Gaskammern des Vernichtungslagers Majdanek ums Leben gekommen.

Recherchen: Günter Sonne (Vgl.: Günter Sonne, Musikstadt Leipzig - Zur Geschichte Leipziger Vokalquartette, Leipziger Hefte 20, Sax-Verlag 2017).

Paten: Günter Sonne, Ensemble Amarcord.

* Bertram, Ellen, Menschen ohne Grabstein-Gedenkbuch für die Leipziger jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, Passage Verlag Leipzig 2011, S. 55.