Marie Schleifstein und ihre Söhne Max und Josef

Marie Schleifstein wurde am 11. März 1886 in Mniszek geboren. Im Jahr 1910 heiratete sie Herszek Dyjament (1883-1932) in Warschau. In dieser Zeit nahm ihr Mann die Identität ihres Bruders an, um sich der Dienstpflicht im russischen Heer zu entziehen und Marie übernahm die Identität ihrer Schwägerin Tauba (geb. Sztrumfeld). Er gab sich von nun an als Jankiel Schleifstein aus. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges kamen sie mit dem ersten Sohn Max (geb. 7. September 1912 in Lodz) nach Deutschland. Der zweite Sohn Josef (geb. 15. März 1915) kam ebenfalls in Lodz zur Welt - die Mutter war 1914 zu Verwandten gereist und konnte erst nach Kriegsende zurück nach Deutschland. Die Familie lebte eine Zeitlang in Düsseldorf, seit 1921 in Leipzig. Die Eheleute betrieben ein Textilgeschäft in Anger-Crottendorf.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurden der Familie ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei (KPD) und ihr widerständiges Verhalten zum Verhängnis. Am 1. November 1933 wurde Josef auf dem Weg zu einem illegalen Treffen verhaftet. Bei der darauffolgenden Hausdurchsuchung ertappte die Polizei Max, wie er Bücher und Schriften seines Bruders verschwinden lassen wollte. Josef wurde 1934 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Er kam nach Waldheim. Max saß vom 2. November 1933 bis 14. März 1934 wegen „kommunistischer Umtriebe“ in Schutzhaft im KZ Colditz. Er erklärte danach, dass er in Colditz „von 9 bis 5 mit dem Gummiknüppel geschlagen“ wurde. Nach seiner Entlassung ging er wegen hochgradiger nervöser Störungen in ärztliche Behandlung. Sein behandelnder Arzt Dr. Josef Deutsch (siehe STOLPERSTEIN Johannesgasse 3) diagnostizierte einen „nervösen Erschöpfungszustand mit starken Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Schlaflosigkeit, innere Unruhe und Erregtheit“. In den folgenden Monaten wurde Max immer wieder verhaftet und verhört, weil er in der Öffentlichkeit kein Hehl aus seiner Abneigung gegen das NS-Regime machte. So gab er im Mai 1935 zu Protokoll: „Ich habe mir diese Kritik erlaubt, weil ich international bin. Mit der nationalsozialistischen Regierung bin ich auf keinen Fall einverstanden, weil sie eine Hunger- und Ausbeuterregierung ist. Die Befreiung der Menschheit geht von der proletarischen Weltrevolution aus. Jede Entschuldigung lehne ich ab.“ Sechs Wochen blieb Max in Haft. Im August 1935 wurde er wieder festgesetzt, nachdem er im Freibad Mölkau abermals wegen seiner Reden gegen das Regime angezeigt wurde: „Was hat uns Adolf Hitler bisher gebracht, Scheiße hat er gebracht.“ Max provozierte regelrecht seine Ausweisung aus Deutschland, denn er wollte unter den Nazis nicht mehr leben. Am 5. September 1934 wurde schließlich seine Ausweisung über Gleiwitz nach Polen angeordnet. Da Max aber noch im Gefängnis saß, musste die Ausweisung aufgeschoben werden. Jetzt versuchte Max jedoch seine Ausweisung aufzuheben. Vermutlich brauchte seine Mutter familiäre Unterstützung, um das Geschäft weiter betreiben zu können. Da Max als staatenlos galt, weil er keinen Pass hatte, konnte er nicht ohne weiteres abgeschoben werden. Es folgten viele Prüfungen der Familienherkunft im Zusammenspiel mit dem polnischen Konsulat. Im Oktober 1935 kam so der Identitätsschwindel seines Vaters heraus, da in Warschau ein weiteres Ehepaar mit identischen Personendaten lebte. In dieser Zeit floh Max nach Polen.

Sein Bruder Josef wurde am 9. September 1935 aus Waldheim entlassen und früh am Morgen in Begleitung zweier Polizeibeamter in einen Zug zur polnischen Grenze gesetzt. Er wurde ohne Papiere abgeschoben. Es gelang ihm, sich von dort nach Prag durchzuschlagen. Nur wenige Tage vor dem Einmarsch Hitlers in der Tschechoslowakei am 11. März 1939 konnte er mit dem letzten Flugzeug nach England, das nicht in Deutschland zwischenlandete, Prag verlassen.

Auf Marie Schleifstein wurde ebenfalls enormer Druck ausgeübt, Deutschland zu verlassen. Nachdem Josef in England angekommen war, bemühte sich Marie Schleifstein im Juli 1939 mit Hilfe ihres Sohnes intensiv um eine Ausreise dahin. Ihr gelang es, die persönliche Habe zollfrei aus Deutschland auszuführen. Doch die Ladung kam nie in England an. Obwohl sie eine Einreisegenehmigung für England in Aussicht hatte, verhängte die Polizei ein Aufenthaltsverbot ab dem 15. Juli 1939 und Marie Schleifstein musste nach Polen.

Der weitere Schicksalsweg von Max (etwa 30 Jahre) und Marie Schleifstein (etwa 56 Jahre) ist unbekannt. Es gibt einen Hinweis, wonach Josef nach dem Krieg von Leipziger Freunden erfahren habe, dass diese bis 1942 mit beiden noch im Briefkontakt aus dem Ghetto Radom standen. Bezüglich Marie wird diese Aussage erhärtet durch einen erst vor wenigen Jahren erfolgten Eintrag in der Datenbank von Yad Vashem. Demnach soll Marie Schleifstein 1941 auf einer Liste der Bewohner des Ghettos in Radom verzeichnet sein, zugleich wird konstatiert, dass kaum jemand aus diesem Ghetto überlebt hat. Zu Max gibt es seit seinem Verschwinden aus Deutschland 1935 keinerlei Hinweise.

Recherchen und Paten: Mary Beer (Tochter von Josef Schleifstein).