Luise Stern und ihre Kinder Frieda, Heinz, Anna und Edith

Luise Rosenfeld wurde am 20. Oktober 1883 in Brody geboren. Sie heiratete im Jahr 1917 den vier Jahre älteren Feiwel Stern. Der Textilwarenhändler sorgte für einen ausreichenden Unterhalt der Familie, indem er einige Filialen eröffnen konnte. Luise Stern arbeitete in diesen als Verkäuferin. Die Wirtschaftskrise 1929 verschonte auch die Familie Stern nicht. Feiwel Stern musste Konkurs anmelden und ihm blieb nur ein kleines Geschäft. Ein weiterer Schicksalsschlag ereignete sich im Mai 1930: Feiwel Stern verunglückte tödlich. Zwar führte seine Frau das Geschäft weiter, doch die wirtschaftliche Situation von Luise Stern und ihren vier Kindern verschlechterte sich. Ehemalige Nachbarn erinnerten sich an eine bescheiden lebende Familie.* Tochter Frieda wurde am 16. Januar 1917 in Leipzig geboren. Sohn Heinz kam am 26. Mai 1918 hier zur Welt. Die beiden „Kleinen“, Anna „Ännchen“ und Edith, wurden am 21. Oktober 1924 und am 25. November 1925 geboren.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten versuchten viele Jugendliche innerhalb der jüdischen Jugendbewegung durch die Hachschara (landwirtschaftliche Berufsausbildung für die Besiedlung Palästinas) Deutschland zu verlassen. Friedel studierte 1934/35 an der Kunstgewerbeschule in Leipzig. Dann wurde sie von ihrer Mutter regelrecht gedrängt, in einem der Jugendlager eine Ausbildung zu machen. So ging Friedel 1935 nach Westfalen und konnte 1936 nach Palästina gelangen. Nachdem es Heinz verwehrt wurde, seine Zimmermannslehre abzuschließen, ging auch er Ende 1937 in eine Hachschara-Gemeinschaft. Im Zuge der Pogromnacht im November 1938 wurde Heinz in Grüsen (Hessen) verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt. Nach seiner Entlassung konnte er im Februar 1939 nach Dänemark fliehen. Seiner Schwester Anna gelang es, ihm im Juni 1939 zu folgen. „Wozu das ganze Leben, wenn man sich jedes Mal von einem Kinde trennen muss? Wer weiß, wann und wo man sich mal wiedersieht“**, schrieb Luise Stern an ihren Sohn Heinz (Heini), nachdem Anna Leipzig verlassen hatte.

Mit einem letzten Kindertransport gelang es noch, die jüngste Tochter Edith im November 1939 über Italien nach Palästina zu retten. „Komme soeben von der Bahn, habe mein letztes bisschen zur Bahn gebracht. […] Ich bitte Euch, setzt alle Hebel in Bewegung und holt mich raus. Was soll ich alleine? Solange ich eins von Euch hatte, gings immer noch, aber jetzt kann ich nicht mehr, glaub es mir.“**

Für die „kleine, schwache, asthmakranke Frau“, wie sie ihr Sohn Heinz beschrieb, folgte im April 1940 ein Leben in den sogenannten „Judenhäusern“. Dies war mit der völligen Aufgabe an Privatsphäre, Kälte und Enge verbunden. Dreimal musste sich Luise Stern eine neue Unterkunft suchen. „Es sind doch alles fremde Menschen, die mein Inneres nicht kennen und nicht verstehen. Nun naht die Zeit heran, wo ich wieder fremde Menschen kennenlernen soll und ich mich mit ihnen verstehen muss. […] Etwas Festes habe ich allerdings noch nicht, aber Aussicht, mit einer Frau ein Zimmer zu teilen.“** Am 21. Januar 1942 wurde Luise Stern (58 Jahre) nach Riga deportiert und kam ums Leben.

Auch „Heini“ und „Ännchen“ waren noch nicht gerettet. Nachdem Dänemark im Mai 1940 von Deutschland besetzt wurden, sollten im Herbst 1943 auch die hier lebenden Juden deportiert werden. In einer einmaligen Rettungsaktion wurden über 7.000 Juden mit Booten über den Øresund nach Schweden gebracht. Dabei war auch Heini. Anna gehörte jedoch zu den über 400 Menschen, denen dies nicht glückte. Sie wurde Anfang Oktober 1943 verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Im März 1945 gelang es dem schwedischen Roten Kreuz, die aus Dänemark deportierten Juden in Theresienstadt zu befreien und nach Schweden zu bringen (Rettungsaktion der „Weißen Busse“). So konnte Anna gerettet werden.***

Paten: Tall Pressler, Andrea Lorz, Irene Winkler.

* Geteilte Erinnerung. Jugend in Leipzig unterm Hakenkreuz – Schüler fragen – Zeitzeugen berichten / Schulmuseum Leipzig, 2006.

** Briefe einer Mutter 1939 bis 1942, Leo Baeck Institute Archives.

*** Literaturtipp über das Schicksal von Anna und ihrer Familie: Mirjam Pressler: Ein Buch für Hanna, 2011.