Familie Josef Kalter

Josef war das jüngste Kind von Hanna und Baruch Kalter (siehe Stolpersteine Lortzingstraße 11). Er wurde am 27. Januar 1906 in Tarnow geboren. Mit seiner Mutter kam er im Februar 1913 nach Leipzig, wo der Vater bereits ein viertel Jahr vorher begann, für die Familie eine neue Existenz aufzubauen.

Josef heiratete im Jahr 1934 Erna Eisenberg, die am 10. September 1907 in Hannover geboren wurde. Sie kam mit ihren Eltern im April 1914 nach Leipzig. Die jungen Eheleute wohnten zunächst bei Josefs Eltern in der Lortzingstraße Im Juli 1935 bezogen sie die Wohnung in der Fritzschestraße 11, heute Schorlemmerstraße. Josef Kalter war kaufmännischer Angestellter und arbeitete in einem Wäschegeschäft. Am 25. Januar 1936 kam ihre erste Tochter Rahel zur Welt und am 29. August 1938 Tochter Sonja. Als Sonja geboren wurde, bekamen Erna und Josef ein Urlaubs-Visa für die Schweiz. In diese Zeit fällt auch der Ausweisungsbeschluss der gesamten Familie Kalter nach Polen im Zusammenhang mit der sogenannte „Polenaktion“ am 28. Oktober 1938. Auch die junge Familie wurde auf den Leipziger Hauptbahnhof gebracht.

In der Familienerinnerung wird folgende Geschichte erzählt:* Auf dem Bahnhof wandte sich Josef sinngemäß mit folgenden Worten an einen Polizeibeamten: „Schauen Sie, Sie wollen uns nur raus haben. Wir haben ein Visum für die Schweiz. Wie wäre es, wenn sie uns stattdessen dorthin gehen lassen?“ Daraufhin ließ der Beamte die Familie gehen. Fest steht, dass sie danach Zuflucht im überfüllten polnischen Konsulat fand und damit vor den Abschiebungen geschützt blieb. Am nächsten Tag konnte sie wieder nach Hause. Nun arbeiteten die Eheleute daran, alle Dokumente für die Schweiz zu beschaffen. So wurde unter anderem für Rahel eine neue Geburtsurkunde ausgestellt. In dieser fehlt der Vermerk der jüdischen Herkunft, was kein Zufall gewesen sein konnte. Jemand hatte scheinbar mit Bedacht gehandelt. Überhaupt schien Josef gut in der Stadt „vernetzt“ gewesen zu sein. Als die Pogrome am 10. November 1938 begannen, brachte er die beiden kleinen Mädchen zur ehemaligen Haushälterin seiner Eltern, die auf die Kleinen aufpasste, bis die unmittelbare Gefahr vorbei war.

Als alle Papiere für die Ausreise zusammen waren, entschieden sich Erna und Josef mit jeweils einem Kind getrennt in die Schweiz zu fliehen. Sie versprachen sich dadurch bessere Chancen. Ende November 1938 verließ Erna mit der drei Monate alten Sonja per Flug von Frankfurt das Land. Ironie des Schicksals: Beim Besteigen der Maschine stellte sich heraus, dass Sonja der bisher jüngste Passagier der Lufthansa sei – es wurden Fotos gemacht.* Josef wartete noch, bis er von seiner Frau eine Bestätigung der gelungenen Ankunft in Zürich bekam. Anfang Dezember 1938 reiste Josef mit Rahel nach. Bis 1948 blieb die Familie in Zürich, dann siedelte sie in den USA über.

* Informationen von Steven Kubersky, Sohn von Rahel, Enkel von Erna und Josef

Paten: Maxi Häder und Jule Richter (Leibniz-Gymnasium), Familie von Steven Kubersky