Clementine Spiegl, Jenny und Sigmund Adler

Clementine „Tina“ Spiegl wurde am 21. November 1860 in Floß geboren. Mit ihrem Mann Moritz Spiegl und ihren mittlerweile sechs Kindern kam die Familie über Fürth, Schmölln und Meuselwitz Anfang des 20. Jahrhunderts nach Leipzig. Die Spiegls betrieben ein Konfektionsgeschäft. Dabei waren sie nach dem 1. Weltkrieg zeitweise Handelsreisende bzw. versuchten kurzzeitig ihr Glück in Wien.

Moritz Spiegl starb 72-jährig im Jahr 1929 in der Leipziger Oeserstraße und „Tina“ Spiegl meldete daraufhin noch einmal ein Gewerbe an, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Der Boykott jüdischer Geschäfte nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 war für das Kleinstgeschäft existenzbedrohend. Die Familie rückte zusammen, so dass Clementine Spiegl ab 1937 bei ihrer Tochter Jenny und ihrem Mann Siegmund Adler in der Oeserstraße wohnte.

Siegmund Adler wurde am 13. Januar 1891 als zweiter Sohn von Zerline, der Schwester von “Tina“, und Maier Max Adler in Schmölln geboren. Nach dem frühen Tod seiner Mutter im Jahr 1900 kam Siegmund in das jüdische Waisenhaus nach Diez/ Lahn. Dort absolvierte er die Mittelschule und erlernte einen kaufmännischen Beruf. Zunächst war er bei verschiedenen Firmen als Reisender für Wäschereiartikeln angestellt. Mit 20 Jahren kam er nach Leipzig. Hier lebten bereits sein Vater und weitere Angehörige.

Im Ersten Weltkrieg wurde er schwer verwundet und kehrte nach französischer Kriegsgefangenschaft 1920 nach Leipzig zurück. Infolge seiner schmerzhaften Erfahrungen engagierte er sich in der Antikriegsarbeit und trat dem „Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten“ bei. Dieser betreute Kriegsverwundete und die Familien gefallener Soldaten. Außerdem trat der Bund gegen den zunehmenden Antisemitismus auf. Bis zur erzwungenen Auflösung des Bundes 1939 wirkte Siegmund Adler als dessen Kassenwart und vom November 1938 an als Geschäftsführer.

Beruflich arbeitete Siegmund Adler ab 1920 als Prokurist im Geschäft seines Bruders Wilhelm mit, der einen Großvertrieb für Wasch- und Wäschestärkemittel betrieb. Zwei Jahre später trat er auch mit seinem Namen in das Geschäft ein und führte es nach dem Ausscheiden seines Bruders ab 1927. Inflation und die Weltwirtschaftskrise führten 1932 zum Konkurs des kleinen Unternehmens.

Seit 1922 war Siegmund mit Jenny Spiegl verheiratet. Sie stammte ebenfalls aus Schmölln und wurde am 19. Dezember 1892 geboren. Die Ehe blieb kinderlos. In den 1920er Jahren arbeitete Jenny im Geschäft ihres Mannes mit.

Alle drei mussten 1940 in eines der sogenannten „Judenhäuser“ ziehen. Auf Grund ihres Alters und der fortschreitenden Krankheit konnte die Israelitische Gemeinde „Tina“ Spiegl noch im gemeindeeigenen Ariowitsch-Altersheim unterbringen. Die Eheleute Adler mussten in die Humboldtstr. 6 ziehen. Siegmund Adler hatte die Brutalität der Nazis bereits nach der Pogromnacht 1938, hautnah zu spüren bekommen. Er gehörte zu den vielen jüdischen Männern, die am 10. November 1938 verhaftet wurden und für mehrere Wochen im KZ Buchenwald inhaftiert blieben.

Die Enge in den „Judenhäusern“ zwangen die Menschen, sich von ihrem bisherigen Hausrat zu trennen. Auch die häuslichen Gegenstände, Kleidung und Wäsche der Adlers wurden 1942 durch das Versteigerungshaus Klemm meistbietend zu Gunsten der Staatskasse an die nichtjüdische Bevölkerung verkauft. Am 19. September 1942 wurden alle drei nach Theresienstadt deportiert. Hier starb Clementine Spiegl kurz nach ihrem 82. Geburtstag am 29. November 1942. Siegmund Adler (53 Jahre) wurde am 28. September 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Jenny Adler (51 Jahre) ereilte das gleiche Schicksal. Alle Kinder von Clementine Spiegl kamen in die Shoa ums Leben. Recherchen und Pate: Dr. Andrea Lorz