Erna Kugelmann und Arthur Hirschfeld

Erna Kugelmann wurde am 2. November 1919 in Waldenburg bei Oldenburg geboren. Höchstwahrscheinlich folgte sie 1934 dem Ruf ihrer Schwester Selma, die sich bereits seit August 1933 in Leipzig befand. Wie viele Mädchen aus kleineren Orten arbeiteten sie nach dem Volksschulabschluss als Hausmädchen in städtischen Haushalten. Zunächst wohnte Erna im Haus der Familie des Rauchwarenhändlers Herz Wischnia in der Reichsstr. In den Jahren 1936/37 befand sich Erna wieder im Emsland. Ende Oktober 1937 kam sie nach Leipzig zurück und wohnte bei Arthur Hirschfeld in der damaligen Kaiserin-Augusta-Str. 33.

Arthur Hirschfeld wurde am 28. Februar 1862 in Cöthen (Anhalt) geboren. Bereits als Kind und Jugendlicher befand er sich lange in Leipzig, da sein Vater hier ein Geschäft hatte. Seit 1893 bewohnte er in Leipzig eine eigene Wohnung. Im Jahr 1910 heiratete er Emilie Sigel (Jg. 1867) aus Halle. Seit 1917 wohnten die Eheleute in der heutigen Richard-Lehmann-Str. 33. Artur Hirschfeld betrieb eine „Fischagentur“ in der Promenadenstr. 32 (heute: Käthe-Kollwitz-Str.). Das Haus befand sich im Familienbesitz. Nach dem Tod seines Bruders Otto 1917 führte er außerdem die Lederfirma, die sein Vater Hermann 1848 gegründet hatte. Emilie Hirschfeld starb im Februar 1939. Arthur Hirschfeld wurde am 19.9.1942 nach Theresienstadt deportiert. Im Vorfeld musste er einen sog. „Heimeinkaufsvertrag“ abschließen, wodurch sein Vermögen von 6.237,65 Reichsmark praktisch konfisziert wurde. Am 1. Januar 1943 starb Arthur Hirschfeld (80 Jahre).

Erna Kugelmann hatte wahrscheinlich Ende 1938 einen jungen Mann namens Günter Gellert kennengelernt. Günter (Jg. 1916) wohnte in Gleiwitz. Der jüdische Maurer zählte zu den Gleiwitzer Männern, die nach der Pogromnacht am 9./10. November 1938 nach Buchenwald verschleppt worden. Unter der Maßgabe, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen, wurden die Gefangenen wieder entlassen. Vielleicht begegneten sich die beiden im mitteldeutschen Verkehrsknotenpunkt Leipzig, denn verwandtschaftliche Beziehungen hatte die Familie Kugelmann nach Oberschlesien nicht. Fakt ist, dass Erna nach Gleiwitz ging und am 23. Februar 1939 Günter heiratete. Beide lebten nur wenige Monate zusammen: Günter gelang im Sommer 1939 die Flucht nach England. Vielleicht war es der Plan, Erna nachzuholen. Das fehlende Geld oder spätestens der Kriegsbeginn verhinderten dies. Ab dem Frühjahr 1940 wohnten auch Ernas Eltern, Frieda und Louis Kugelmann, in Gleiwitz, nachdem sie aus Wardenburg vertrieben worden. Im Mai 1942 begannen die Deportationen in das nur 65 km entfernte Auschwitz. Dort wurden zu Beginn des Monats Gaskammern in Betrieb genommen worden. Am 16. Mai 1942 wurde Erna Gellert (22 Jahre) mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert und vermutlich sofort ermordet. Eine Woche später kamen auch Günters Eltern nach Auschwitz.

 

Quellen: Gedenkbuch Ellen Bertram, Israelitische Religionsgemeinde Leipzig, Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Dr. Werner Meiners (Wardenburg), Museum Gliwice, Nationalarchiv Krakow, Archiv Museum Auschwitz-Birkenau

Paten: AG Geschichte der Apollonia-von-Wiedebach-Schule